Wissen Sie, es ist praktisch Schon so, daß die amerikanische Weltraumbehörde NASA um ihr nacktes Überleben kämpft. Kann sie keine europäische Mitarbeit an ihrem Raumfahrtprogramm vorweisen, so wird der international gesinnte Kongreß ihr immer weniger Geld bewilligen, bis sie kaputt ist." Mit dieser übertriebenen – und nicht richtigen – Bemerkung kommentierte jetzt ein europäischer Beobachter das Geschehen auf der vierten EUROSPACE Raumfahrt-Konferenz in Venedig.

Dennoch war der bissige Kommentar symptomatisch für die Offenheit, mit der sich Ende des vergangenen Monats Amerikaner und Europäer in Venedig Argumente und Gegenargumente an den Kopf warfen. Vierhundert Raumfahrtexperten, vor allem der Industrie, waren in die Lagunenstadt gekommen, um zu erörtern, welche Möglichkeiten Europas Industrie bei der Mitarbeit am US-Raumfahrtprogramm hat.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre soll der weltraummüde amerikanische Steuerzahler mit dem Aufbau großer bemannter Raumstationen aus seiner Lethargie geschreckt werden.

Leider ist die Aufgabe kostspielig, fast zu kostspielig, als daß sie die Weltraumbehörde allein bewältigen kann. Ihr Jahresbudget ist auf 3,3 Milliarden Dollar abgesunken. Es wird schon befürchtet, daß es im nächsten Finanzjahr unter drei Milliarden liegen wird. So sind die Europäer zur Mitarbeit aufgerufen worden. Sie sollen beim Bau der Raumstation und bei der Konstruktion von jenen Raumtransportern, die im Pendelverkehr von der Erde aus einen ständigen Zubringerdienst zu den Stationen aufrechterhalten sollen, mitarbeiten.

Mit welcher Summe sich Europa nun beteiligen könnte, darüber redete man sich in Venedig die Köpfe heiß. Bislang war die Rede davon, daß Europa zehn Prozent von den zehn Milliarden Dollar übernehmen sollte, die das Apollo-Nachfolge-Programm über einen Zeitraum von fünf Jahren kosten wird. Jetzt erklärte der NASA-Direktor für internationale Zusammenarbeit, A. W. Frutkin, auf dem EUROSPACE-Kongreß, daß diese Summe zu niedrig liege. "Wenn man in Europa glaubt, daß wir bereit sind, für eine zehnprozentige Beteiligung unser gesamtes technologisches Raumfahrtwissen zur Verfügung zu stellen, so ist das ein Irrtum", meinte Frutkin.

Doch während die NASA also eine höhere finanzielle Beteiligung für wünschenswert hielt und darin auch von Europäern unterstützt wurde, meldete der Direktor der Raketenabteilung von Rolls-Royce, A. V. Cleaver, andere Bedenken an. "Wenn wir uns mit erheblichen finanziellen Mitteln am Apollo-Nachfolge-Programm beteiligen", meinte er, "dann müssen wir unser europäisches Programm ganz erheblich einschränken. Wenn dann aber das Apollo-Nachfolge-Programm gar nicht zustande kommt, weil die NASA nicht genügend Mittel bewilligt bekommt, dann stehen wir in Europa ohne jedes Raumfahrtprogramm da."

Vor einem Jahr wurde das Angebot der NASA, Europa solle sich am amerikanischen Raumfahrtprogramm beteiligen, mit positiven Kommentaren begrüßt. Inzwischen hat das große Zaudern Einkehr gehalten. Zumindest die kontinentale europäische Raumfahrtindustrie scheint zu befürchten, in der Umarmung des großen amerikanischen Bruders zu ersticken.