Von François Bondy

Dreizehn Essays (was die Engländer ein Bäckerdutzend nennen), alle seit 1962, nach dem Abschluß von „Die Clique“ entstanden, bezeugen, daß Mary McCarthy auch nach jenem internationalen Bestseller, der sie mit einem Schlag vom Geheimtip für Intellektuelle zur populären, verfilmten und materiell gesicherten Autorin, zum „Star“ gemacht hat, ihrem ursprünglichen Beruf als Zeit- und Literaturkritikerin treu geblieben ist –

Mary McCarthy: „Ein Blitz aus heiterem Himmel“, Essays, aus dem Amerikanischen von Maria Dessauer und Hilde Spiel; Verlag Droemer Knaur, München; 302 S., 22,– DM.

Einen weiteren Roman hat diese Schriftstellerin nach der „Clique“ nicht mehr veröffentlicht, wenngleich abgeschlossen. Statt dessen erschienen zwei Reiseberichte aus Vietnam in Buchform, von denen der erste über Südvietnam als Beobachtung von „Amerikanern draußen“ zu jener Art sarkastischer Sittenschilderung wurde, die ihr besonders liegt. Mary McCarthys Theaterkritiken, literarische Essays, Polemiken, Reportagen, Romane haben nicht nur eine einheitliche Thematik, es besteht auch eine vielfache Wechselbeziehung zwischen ihnen.

„Ein Roman über den Niedergang des Fortschrittsglaubens, der Idee des Fortschritts“, so hatte sie selber „Die Clique“ gegenüber der Paris Review definiert, und von dem noch unveröffentlichten Roman sagte sie vor zwei Jahren der ZEIT, er habe „mit der Idee der Gerechtigkeit“ zu tun. In jenem Gespräch sagte sie in ihrer unbefangenen Weise: „Ich habe Mühe, Handlungen einzuführen, die Figuren zu bewegen“, auch mit den Charakteren sei es „ein Kreuz“. Ihre Romane sind mit Ansichten und Absichten, mit Tendenz und Kritik an der Tendenz durchsetzt; die weniger erfolgreichen, die vor „Die Clique“ entstanden, sind einheitlicher, nicht so sehr vom Stoff beschwert, mit einem Wort: künstlerischer, ohne jedoch die Dichte eines im traditionellen Sinn „epischen“ Werkes zu erreichen. Das ist hervorzuheben, weil Mary McCarthy, wie ihre Essays bezeugen, traditionsgenährt und -verbunden ist.

Am besten gelang ihr im vorliegenden Band die Darstellung der besonderen Welten einzelner Romanciers, und zwar insbesondere weiblicher Romanciers, sowie der Welt des Romans überhaupt. Sie sieht Ivy Compton-Burnett in ihren beiden Pionier-Essays als die scheinbar an erstarrte Konventionen gebundene, in Wahrheit revolutionärste englische Schriftstellerin, aber ebenso Nathalie Sarraute und Monique Wittig ganz von innen heraus, vom Entstehungsprozeß ihrer Romane her und mit der eigenen Erfahrung eines solchen Prozesses. Schriftstellerkritik muß nicht unbedingt bedeutender und erhellender sein als die Kritik des „Nur-Kritikers“, sie ist aber anders und manchmal ein Glücksfall.

Minder überzeugend ist der scharfsinnige Essay über Vladimir .Nabokovs „Pale Fire“. Der Rebuscharakter dieser romanhaften Dichtung hat sie so fasziniert, daß sie schier noch mehr Subtilitäten enträtselt, als der subtile Nabokov hineingeheimnist haben mag, so daß zwischen der Wertung des Buches und der Freude am eigenen Mitspielen die Grenzen verschwimmen.