„Staub läßt sich nicht greifen“, Roman von Agnes Chabrier. Der herzkranken Catherine verzehrender Drang, das Geheimnis der Frau Sullivan „dem Grabe zu entreißen rührt von der Tatsache, daß ihr aus ungeklärter Ursache dem Wahnsinn verfallener und alsbald verstorbener Gatte im Delirium den Namen Sullivan zu wiederholen pflegte. Die Befriedigung dieses Dranges soll Catherine zu einem ungebrochenen Verhältnis mit Marc verhelfen, bei dem ihre „tiefe Herzensangst“ wie zum Glück auch ihre „höchste Freude“ „stets Widerhall“ finden. Mit von Zeile zu Zeile schwindendem Interesse, mühsam bei der Stange gehalten durch Versprechungen, daß gleich etwas wirklich Fürchterliches passieren würde, verfolgt man die detektivische Meisterleistung Catherines und kann sich nicht vorstellen, unter welchen Hut die kühne Autorin all die Widersprüche vereinen will. Denn: die mysteriöse Frau Sullivan, Plantagenbesitzerin in Vietnam, ist, den Aussagen enger Freunde und Bekannter zufolge, Eurasierin und Europäerin, hat mehr oder weniger Kinder, ist ein treues Eheweib und führt einen „zügellosen Lebenswandel“, wurde von den „Viets“ ermordet und verscharrt und nicht ermordet und ist im Krankenhaus gestorben und hat selber gemordet und so weiter. Anläßlich der Erkenntnis, daß Frau Sullivan eventuell doch nicht so „durch und durch menschlich“ gewesen sein könnte (möglicherweise hat sie auch ihren Diener geliebt), stellen sich bei Catherine Herzattacken ein, denn sie ist sensibel und von edelster Gesinnung. Nach rund 250 Seiten Verwirrung läßt die überforderte Autorin Catherine Indochina verlassen und bei der Gelegenheit Frau Sullivan mir nichts dir nichts über den Flugplatz marschieren. Sie ist es – vielleicht, vielleicht auch nicht, aber wahrscheinlich doch – denn möglich ist alles, und sicher ist gar nichts. Was demonstriert werden sollte. Sicher hat Madame Chabrier, jedenfalls wahrscheinlich und ganz bestimmt vielleicht, Robbe-Grillets „Blaue Villa in Hongkong“ gelesen; die ist besser und billiger. (Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 256 S., 16,80 DM)

Christel Buschmann

„Der Fall Jürgen Bartsch: Bin ich ein Mensch für den Zoo? – Bericht über vier ermordete Kinder und den Jugendlichen, der sie getötet hat“, von Friedhelm Werremeier. Bevor der Revisionsprozeß gegen den „Kirmesmörder“, die „Bestie“, die „wie in einem Fieberrausch durch das Ruhrgebiet zog und vier Knaben wie Vieh abschlachtete“, neue Schlagzeilen liefert, sollte dieses Buch in Ruhe gelesen werden. Zwar hat der Autor, Gerichtsreporter und Sonderkorrespondent der Neuen Revue, die gewohnte Illustriertenschreibe nicht ganz verleugnen können, er bleibt jedoch um Sachlichkeit, Sorgfalt und Verständnis auch und gerade dort bemüht, wo die Richter und Gutachter der ersten Instanz diese längst aufgegeben hatten. Jede Seite scheint mit dem großen Fragezeichen unterlegt, das blendend weiß vom schwarzen Umschlag prangt. Es symbolisiert die hilflosen, qualvollen Versuche Jürgen Bartschs, sich selber zu verstehen, nicht weniger als die ebenso ergebnislosen, um etliche Grade unbekümmerteren Ansätze der medizinischen Sachverständigen – und es brandmarkt eine Gesellschaft, die eher lustvoll gafft und lyncht, als den Ursachen der in ihrer Mitte wuchernden Unmenschlichkeit aller Art und „Abart“ nachzuspüren. „Wie es dazu kommen konnte“, muß die Wissenschaft erst noch ermitteln. (Limes Verlag, Wiesbaden; 414 S., 24,– DM)

Elena Schöfer