Bremen Bis zum 25. Oktober, Kunsthalle: „Max Klinger zum 50. Todestag

„Ein Homeride zwischen Fabrikschornsteinen, ein attischer Aristokrat in der Determination des Gymnasialprofessors“, schrieb Karl Scheffler bereits 1911, als das wilhelminische Deutschland Max Klinger unentwegt als die größte künstlerische Potenz, als den Erneuerer der Ideale des Edlen, Schönen und Wahren feierte. Max Klinger und die andern wilhelminischen Götter haben das Ende des Kaiserreichs nicht überlebt. Klinger wurde eine Weile belächelt, dann vergessen. Aber 1957, zu seinem 100. Geburtstag, galt er bereits als „der verkannte Klinger“. In den 60er Jahren wurden erste Wiederbelebungsversuche eingeleitet, die mindestens teilweise Erfolg hatten. Bei Durchsicht seiner Graphik trat ein Künstler in Erscheinung, der mit dem sächsischen Olympier der Jahrhundertwende nur entfernte Ähnlichkeit aufwies, ein Wegbereiter, der um 1880 zwei wichtige Tendenzen des 20. Jahrhunderts antizipiert hatte: die sozialkritische Reportage und die surrealistische Analyse des Unbewußten. Für die surrealistische Komponente wird Opus VI „Ein Handschuh“ zitiert, der Handschuh, den die Dame auf der Berliner Rollschuhbahn verloren hat und der den Künstler, der ihn aufgreift, zu libidinösen Träumen und technisch brillanten Radierungen inspiriert hat. Klingers Affinität zur politischen Sphäre manifestieren Opus VIII „Ein Leben“ und vor allem Opus IX „Dramen“, in denen zum erstenmal in der deutschen Kunst das Elend des Großstadtproletariats und unter dem Stichwort „Märztage“ der Barrikadenkampf thematisiert wird. In seiner sozialistischen Phase (bis 1884) hat Klinger die Kollwitz auf ihren Weg gebracht, auch die gesamte gesellschaftskritische Kunst in Skandinavien geht auf Klinger zurück. Mit der „Brahmsphantasie“ von 1894 hat sich Klinger endgültig, auch in der Graphik, aus der politischen in die höhere Sphäre schwülstiger Rhetorik begeben. – Bremen zeigt das graphische Oeuvre. Die eigentliche Jubiläumsschau hat in diesem Sommer in Leipzig stattgefunden, das Museum der Bildenden Künste besitzt den Hauptteil seiner Bilder und Skulpturen.

Köln Bis zum 24. Oktober, Galerie Klang: Siegfried Neuenhausen“

Neuenhausen hat sein gegenständliches Repertoire erweitert, von den Köpfen und Busen aus Blasen und Beuteln, bis zur ganzen Figur und zum Figurenensemble. Das erste dieser Art, die „Bürger von B.“, gelangte in die Sammlung Ludwig. In Köln sieht man eine zweite Ansammlung von Männern in Paletots, die irgend etwas besichtigen, Aufsichtsbeamte, Manager, der „Stadtrat von H.“ Neuenhausen registriert banale Fakten, die durch penetrante Stofflichkeit schockieren und darüber hinaus eine kritische Reflexion in Gang setzen. Die aggressive Brisanz dieser „Stücke“ tarnt sich hinter wertfreier Realistik.

Gottfried Sello

Weiterhin im Programm:

Bonn Bis zum 1. November, Städtische Kunstsammlungen und Rheinisches Landesmuseum: „Prisma 70“