Es gibt im Odenwald nur einen einzigen Platz, der – seit wenigen Monaten – das Recht hat, sich „heilklimatischer Kurort“ zu nennen: Lindenfels. Luftkurort kann man leicht werden. Um jedoch das schmückende Beiwort heilklimatisch zu erwerben, müssen Klimaanalysen und heilbiologische Gutachten positive Werte erbringen, müssen noch eine Menge anderer Voraussetzungen erfüllt sein. Die kleine Stadt (2000 Einwohner, etwa 900 Fremdenbetten) ist sehr stolz auf den neuen Titel.

Mit viel Zielstrebigkeit steigert der außerhalb Hessens kaum bekannte Ort seine Fremdenverkehrsmöglichkeiten. Da ist, ein Stückchen außerhalb, ein großzügiges Freischwimmbad mit minimal drei Grad Wassertemperatur. Man hat die Anlage im letzten Jahr um eine Liegehalle neben den Freiluftanlagen und um geheizte Umkleidekabinen für herbstliche Tage erweitert, so daß es bis Mitte Oktober geöffnet bleiben konnte. Ein Kleinbus befördert die Gäste für 50 Pfennig die etwa eineinhalb Kilometer zum Bad und wieder zurück

Dann verfügt Lindenfels über ein städtisches Bade-Institut, in dem medizinische Bäder, Packungen, Massagen und Atemtherapie zur Ergänzung der „Luftkur“ gegeben werden. Ein „Haus des Gastes“ ist im Kurgarten eröffnet worden, mit Bühne, Veranstaltungssaal (300 Plätze), Lese- und Aufenthaltsräumen.

Der Kurgarten am Waldhang ist reizend angelegt, voller Blumen und Bänke (an den Waldwegen ringsum sind weitere 50 Bänke aufgestellt). Es gibt einen Minigolfplatz, einen Kinderspielplatz, zwei Hotels mit Hallenschwimmbädern; alles in allem ist Lindenfels eine reizvolle Kleinausgabe deutscher Weltkurorte.

Kaum ein Haus, nicht einmal eines an der Hauptstraße, ist viel weiter als fünf Minuten vom Wald entfernt. Diese endlosen Buchenwälder, die das alte Burgstädtchen von drei Seiten umschließen, sind offenbar seine Hauptattraktion. Der asphalt- und benzinmüde Städter geht auf Waldwegen, auf denen kein Motorengeräusch zu hören ist.

Die Weite der Ausblicke und die Ausdehnung des Waldes scheinen neben dem klimatischen ein ausgesprochen seelischer Heilfaktor zu sein. Der Odenwald, in den die Sage Siegfrieds Kampf mit dem Drachen verlegt, hat zwar schon lange nicht mehr die gefährliche Wildnis der Nibelungenzeit, aber, wenn man will, noch ihre Einsamkeit.

Wenn man nicht will: außer Sport gibt es Konzerte, Trachtenfest,’ Tanzgelegenheit. Trotzdem ist Lindenfels mit den Möglichkeiten milder Bäder- und Geländekuren mehr ein Ruheplatz für ältere Leute, die auch die überwiegende Mehrheit der Kurgäste bilden. 1969 waren es 7730 Kurgäste mit zusammen 103 288 Übernachtungen, also mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von rund 14 Tagen. Dazu kamen noch über 12 000 andere Gäste.