Es ist nichts übertrieben, die Geburt fand statt. Das idyllische Dorf liegt nur drei Kilometer entfernt auf der Schwäbischen Alb. Die Steige dort hinauf ist im zweiten Jahre im Bau; das Versprechen, sie im Notfall benutzen zu dürfen, wurde bis heute nicht eingelöst. So dauerte die elf Kilometer lange Fahrt, an einem strahlenden Samstagmorgen auf der einzigen Umleitung im ersten Gang unternommen, unter vielem Anhalten, vierzig Minuten. An Überholen war nicht zu denken, das Arztschild nützte gar nichts, die dicken Brummer klebten am Mittelstreifen, die Urlaubsfahrer hatten ihre besten Vertreter am Steuer.

Der Transport ins Krankenhaus war, obwohl eine Risikogeburt zu befürchten stand, ausgeschlossen. Der Krankenwagen wäre, hin und zurück, mindestens eine Stunde unterwegs, viel zu lange. Also: Hebamme. Die des Ortes ist seit vorigem Jahr im Ruhestand, Nachwuchs gibt es nicht; die im übernächsten Ort hörte nicht das Telephon; die des Nachbarortes hat schon vor Jahren ihre Praxis aus finanziellen Gründen aufgegeben, denn das Hausmädchen für ihre drei Kinder kostete genauso viel, wie sie durch ihren Beruf verdiente; die amtlich zuständige Hebamme aus der großen Stadt kam wegen der Straßenverhältnisse gar nicht erst in Frage.

So passierte es wie eh und je: Wasserkochen im Suppentopf, Watte borgen bei der einen Nachbarin, Bettschüssel holen bei einer anderen; Instrumente auf dem Ölofen (!) auskochen, weil die Sicherung am elektrischen Herd kaputt war. Bettenbau habe ich ja seinerzeit beim Kommiß gelernt und Geburtshilfe über zwanzig Jahre geübt. Als das Kind seinen ersten Schrei tat, traf gerade die telephonisch gleich am Anfang angeforderte Wochenpackung ein, Fahrzeit wie oben.

Ich habe noch nie so primitiv arbeiten müssen. Ich habe noch nie so deutlich den Unsinn einer ministeriellen Behauptung, ein zehnprozentiger Hebammenschwund sei unerheblich, erfahren. Und dennoch Landarzt? Weil kranke Menschen, die Hilfe brauchen, auch auf dem Lande leiden,