Von Heinz Michaels

Heinz Groteguth, der Vorsitzende der Berufsgruppe öffentlicher Dienst in der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), war ungehalten: „Wir wollen nicht, daß für den kleinen Angestellten im Statistischen Landesamt jetzt mit sechs Prozent der eiserne Vorhang in der Lohnpolitik heruntergeht.“

Der Zorn des Gewerkschaftsfunktionärs dem Bundeswirtschaftsminister. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk hatte Karl Schiller gesagt, er sehe „diese Lohnrunde im Bereich der Metallindustrie ... als eine Lohnrunde, die noch zu der ganzen Lohnbewegung des Jahres 1969/70 gehört“, und hinzugefügt: „Die IG Metall hat einen offensichtlichen Nachholbedarf zu decken, befindet sich da also in einer besonderen Situation gegenüber anderen Bereichen, in denen dieser Nachholbedarf seit September oder seit letztem Winter gedeckt worden ist.“

Es war nicht das erste Mal, daß der Minister diese Ansicht zu der Forderung der IG Metall äußerte, die Tariflöhne um 15 Prozent zu erhöhen. Bei den Arbeitgebern war diese Forderung auf schärfsten Widerstand gestoßen. Sie gefährde die Bemühungen der Regierung um Preisstabilität, hieß es dort.

Als Adressat der Ministerworte, die als eine Mahnung verstanden werden mußten, bei der „nächsten Lohnrunde“ mit Forderungen maßzuhalten, mußte sich vor allem der öffentliche Dienst fühlen, für dessen 1,7 Millionen Arbeiter und Angestellte zum 1. Januar 1971 neue Lohn- und Gehaltstarife ausgehandelt werden müssen.

Im Stuttgarter Hauptquartier der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) wurde daher für die Vorbereitungen der neuen Lohnverhandlungen die Devise ausgegeben: „Was Herr Schiller sagt, ist für uns weder Maßstab noch Richtschnur.“ Dennoch gibt man sich bei der ÖTV zurückhaltender als bei der DAG, für die Groteguth schon vorsorglich eine „zweistellige Forderung“ anmeldete.

Die Entscheidung fällt Mitte November, wenn in beiden Gewerkschaften die zuständigen Tarifkommissionen den Katalog von Forderungen festgelegt haben, der der Bundesregierung, den Länderregierungen und den Gemeindeverwaltungen präsentiert werden soll.