Von Jürgen Werner

Das Einfühlungsvermögen eines Psychologen, die Überzeugungskraft eines Pädagogen, die rhetorische Eloquenz eines Juristen bilden zusammen mit Mut und Integrität die Voraussetzungen für eine der wichtigsten Funktionen unseres Jahrhunderts. Ein Amt, das zurückgeht auf Paris, jenen Königssohn, der den Trojanischen Krieg durch eine subjektiv richtige, unter Berücksichtigung aller Umstände aber objektiv falsche Entscheidung auslöste. Überfordert wie er, steht auch der Bundesliga-Schiedsrichter unserer Tage zwischen den Parteien. Wie damals die Göttinnen, so fühlen sich heute Spieler und Zuschauer im Besitz der Wahrheit – Hybris der Privilegierten.

Denn im Gegensatz zu ihnen steht der Schiedsrichter allein und trifft Entscheidungen, die unwiderruflich sind, es sei denn, er verstieße direkt gegen die Fußballregeln, das geschriebene Gesetzbuch des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Fehler, Irrtümer oder Konzessionen werden gedeckt durch den Passus „Tatsachenentscheidung“, der besagt, daß eine vom Schiedsrichter entschiedene Situation als für den Spielverlauf objektiv richtig gewertet wird. Die Zahl der daraus resultierenden Skandale ist Legion. Das Endspiel um die Weltmeisterschaft 1966 zwischen England und Deutschland (4:2) bot ein Musterbeispiel für die Problematik dieser antiquierten Form des Absolutismus auf Fußballplätzen. Hier geriet das Fußballdrama zur Farce. Denn der Schweizer Schiedsrichter Dienst befragte seinen weit ungünstiger placierten russischen Kollegen an der Seitenlinie, und als dieser die Torentscheidung bestätigte, stürzten diese beiden Fußballdespoten die deutsche Fußballnation in die Hölle der Verzweiflung.

Doch blieb die Presse dem Täter auf der Spur. In subtiler Kleinarbeit wies man dem neutralen Schweizer nach, er habe gefehlt. Fazit dieser Kampagne: Schiedsrichter sind auch Menschen. Wie menschlich ihr Verhalten sein kann, bewies Gerhard Schulenburg im August beim Pokalendspiel zwischen Offenbach und Köln in Hannover. Ein von ihm verhängter Elfmeter führte zu einem Go-in der Zuschauer. Akteure und ihre Verehrer solidarisierten sich gegen die Autorität. Auch Fußballexperten verneinten die Berechtigung dieser Entscheidung. Der Elfmeter wurde gehalten, allerdings schien sich der Torwart vordem Schuß bewegt zu haben, wie später Fernsehaufzeichnungen bewiesen.

Schulenburg hätte den Elfmeter wiederholen lassen müssen. Auf eine entsprechende Frage reagierte er spontan: „Ich bin doch kein Selbstmörder.“ Eine Begründung etwas außerhalb der Legalität – aber so menschlich. Dr. Siepe, ebenfalls Bundesliga-Schiedsrichter, umschrieb das gleiche Gefühl mit „Selbsterhaltungstrieb“, der immer „in solchen Situationen Reaktionen auslöst, die bei normalem Spielverlauf nicht auftreten“, wie Kurt Tschenscher es formuliert, renommierter Spezialist für Streßsituationen à la Hannover. Er setzte Maßstäbe in Mexiko beim Eröffnungsspiel Mexiko gegen Rußland durch kompromißloses Verhalten: Die Spieler beider Mannschaften parierten aufs Wort.

Allerdings waren die Stars aus aller Welt richtig programmiert: Die Trainer hatten den einzelnen Mannschaften deutlich gemacht, daß Vergehen gegen das Fairplay als Opposition gegen den Schiedsrichter hart bestraft würden. Das Ergebnis war eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Platzverweis, ohne Skandale. Eine ähnlich positive Bilanz verzeichnete der Europäische Fußballverband (UEFA) bei einem Rückblick auf die vergangene Saison der Europapokalspiele der Landesmeister. In 127 Spielen wurden nur zwei Spieler des Feldes verwiesen. Obwohl hier neben den Millioneneinnahmen, über die Sieg oder Niederlage entscheiden, nationale Emotionen und natürlich sportliche Ambitionen entscheidende Rollen spielen, dominierte der Sport.

Auch in diesem Wettbewerb hatte der Dachverband drakonische Maßnahmen für potentielle Sünder angedroht nach dem Motto: principiis obsta! Hier liegt das eigentliche Problem der Bundesliga-Schiedsrichter. Zwar bilden diese 106 mutigen, vom DFB ausgesuchten Individualisten eine Art Elite, doch ähnlich wie bei den Spielern der Bundesliga zeigen sich deutliche Qualitätsunterschiede, die sicherlich auch in der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen begründet liegen. Leo Horn, holländischer Millionär und aus Leidenschaft Schiedsrichter, leitete internationale Spiele wie ein primus inter pares: nie autoritär und doch Autorität. Die Sprachen der Spieler waren ihm geläufig, seine Entscheidungen waren exakt und klar. Er wirkte jederzeit unabhängig.