Liebste Mutter!

Ich sitze im Fakirsitz auf einem niedrigen Hocker an einem großen Tisch, der zur Ausstattung der Zelle 4 des Gefängnisses gehört, und schreibe Dir, damit Du endlich weißt, wo ich bin und wie es mir geht. Folgendes ist passiert:

Am Sonntag abends, vor zwei Wochen, stehe ich in Cecina (südlich Livorno) auf der Via Aurelia und versuche, per Autostop noch ein Stück weiterzukommen, in Richtung Rom. Eine Streife der Carabinieri läßt sich meine Papiere zeigen und wirft ein paar Blicke in meine Tasche. Obwohl alles in Ordnung ist, nehmen sie mich mit auf die Wache.

Nach Fragen "Woher?", "Wohin?" und so weiter findet man in einem Döschen bei mir ein kleines, winziges Stückchen (ein Gramm? zwei Gramm?) einer braun-grünen Masse. Ich gebe sofort und unbefangen zu, daß es Haschisch ist, das ich in Düsseldorf gekauft habe, um mir damit während der Reise und in Rom drei oder vier Zigaretten zu drehen.

Man findet außerdem ein Gläschen mit einigen ANI- und Vitamin- (Polybion-forte) Pillen, die Erschöpfungszustände bekämpfen und die man bei uns für DM 4,20 in jeder. Apotheke kaufen kann, und noch drei Preludin Tabletten die auch munter machen und die ich aus Deinem Apothekenkästchen genommen habe.

Man glaubt mir nicht und argwöhnt dahinter irgendein Teufelszeug: "Compresse allucinogese" – kurzum: man glaubt wohl, einen gefährlichen Rauschgifthändler erwischt zu haben, und seitdem bin ich in der Hand von Polizei und Justiz.

Daß die Tabletten harmlose Medizin sind, wird eine chemische Analyse erweisen. Das Krümelchen Hasch ist für deutsche Auffassung eine Albernheit, die kaum eines Wortes wert ist. In Italien herrscht diesbezüglich eine grausame Gesetzgebung, wie mir mein avvocato bestätigt.