Im Frühjahr 1966 kamen die Aktionäre der F. W. Woolworth Co. zum erstenmal nicht in Watertown, New York, zusammen. Statt dessen versammelten sie sich in San Francisco, dem Sitz einer der neuen Regionalgruppen der Gesellschaft. Vorsitzer Robert Campbell Kirkwood, der vom „Lehrling“ zum Hauptgeschäftsführer des ältesten und größten Kettenhandels für Kleinigkeiten aufstieg, berichtete dort über den Jahresabschluß der Gesellschaft, nämlich einen Umsatz von 1 443 322 466 Dollar mit einem Gewinn von 73 001 321 Dollar. Durch den Szenenwechsel wurde offiziell zum Ausdruck gebracht, daß sich die Gesellschaft in eine andere Richtung als der „Five-and-Ten-Cents“-Kettenhandel entwickelt hatte, den 1879 Frank Winfield Woolworth schuf. Er stammte aus dem nördlichen Teil des Staates New York, verbrachte seine Kindheit in der Nähe von Watertown und fing dort seine Laufbahn als Einzelhändler an. Wegen Lewis Gilbert und anderer Aktionäre, die nicht für entlegene Plätze sind, wurde San Francisco reichlich spät zum Ort der Hauptversammlung gewählt.

Solange der Gründer lebte und noch lange nach seinem Tode im Jahre 1919 konnte jeder Amerikaner sicher sein, drei Dinge an jedem Woolworth-Geschäft zu finden: Sie waren bescheiden eingerichtet, befanden sich im Stadtzentrum und waren in einem Gebäude mit roter Front, auf der der volle Name der Gesellschaft zu lesen war, untergebracht. Sie führten keine Artikel, die mehr als zehn Cent – beziehungsweise fünfzehn Cent im Westen des Landes – kosteten. Das gehört heute der Vergangenheit an.

An dem Preis von zehn Cent wird schon seit 1932 nicht mehr festgehalten, und seither wurde er beständig – besonders in den 50er und 60er Jahren – heraufgesetzt. Um das wohlhabende Amerika zu versorgen und die führende Stellung im überhandnehmenden Kettenhandel für Massenartikel zu behaupten, halten einige große Woolworth-Geschäfte bis zu vierzigtausend Artikel auf Lager, manche davon sind so kostspielig wie Kaviar, Fernsehgeräte und Diamanten. Die neueren Woolworth-Geschäfte sind groß und befinden sich eher an Einkaufszentren in den Vororten als im Zentrum der Städte. Sehr wahrscheinlich sind sie nicht mehr in Rot gehalten, sondern eher aus Aluminium oder Glas. Der Name wird gewöhnlich „Woolco“ abgekürzt. Das erste wurde 1962 am Stadtrand von Columbus, Ohio, eröffnet. Woolco gehören die Harvest-Cafeterias und die Kinney Shoe Corporation, deren Fabriken und Geschäfte auch weiterhin unter diesem Namen geführt werden.

Frank W. Woolworth gehört zur Retailing Hall of Fame in Chicago, und die Auszeichnungen, die die Gesellschaft, die seinen Namen trägt, erhielt, sind zahlreich. Seitdem die Gesellschaft eine Körperschaft wurde, hat sie ohne Unterbrechung Dividenden gezahlt. Sie schult ihre Geschäftsführer selbst, die aus den eigenen Reihen aufsteigen. In den Vereinigten Staaten versorgen mehr als 2100 Geschäfte der Gesellschaft alle fünfzig Staaten und Puerto Rico. Zur British Woolworth Company, von der 1966 die Muttergesellschaft 52,7 Prozent der Anteile besaß, gehören über 1100 Geschäfte. Es gibt auch Woolworth-Geschäfte in Kanada, Mexiko, den Westindischen Inseln, Irland, Westdeutschland und Rhodesien. Im Jahre 1965 wurde eine amerikanisch-japanische Gesellschaft, Tokyo Woolworth, gegründet, die Japan, Korea und Südostasien versorgt; Woolworth Española, S. A., wurde von Thomas H. Gato in Madrid eingerichtet, der Woolworth-Geschäfte in Kuba bis zu ihrer Beschlagnahme durch Fidel Castro geleitet hatte.

Über eine Million Amerikaner essen täglich an Woolworth-Lunch-Theken beziehungsweise in Woolworth-Restaurants, die zum Teil hübsch möbliert und mit Kerzenlicht beleuchtet sind und ziemlich viel Charme besitzen. Die Gesellschaft ist der größte amerikanische Abnehmer für verarbeitete Lebensmittel, die in den Räumlichkeiten der Gesellschaft verzehrt werden. Auf diesem Gebiet konkurriert Woolworth mit Erfolg nicht nur mit anderen Kettengeschäften für Kleinigkeiten, sondern auch mit Tausenden von Drugstores und Restaurants. Bis 1966 wurden jährlich 19 475 000 deutsche Beefsteaks, 6 100 000 Truthahngerichte, 6 900 000 Stück Apfelkuchen und 130 Millionen Tassen Kaffee von W. H. Bose, dem Vizepräsidenten für den Restaurationsbetrieb, eingekauft.

Woolworth ist auch im Einzelhandel führend für Grußkarten, Puppen, Portemonnaies, Schallplatten und andere gern gekaufte Gegenstände. Viele Süßigkeiten, Christbaumschmuck, Mieder, Hüfthalter, Unterziehhöschen, Haarnetze und Topfpflanzen fürs Haus werden verkauft. Er weiß Vorteil aus plötzlich auftretenden Modetorheiten zu ziehen. Als 1958 die Hula-Reifen aufkamen, verkaufte Woolworth davon vier Millionen in fünf Monaten. Einen ähnlichen Erfolg erzielten später die Beatle-Platten und in jüngster Zeit die Batman-Platten.

All dies ist aus bescheidenen Anfängen entstanden. Frank Winfield Woolworth wurde am 3. April 1852 auf einer Farm in dem Städtchen Rodman, Jefferson County, im Staate New York, geboren. Seine Familie war englischen Ursprungs, und der Name war die amerikanische Version des englischen Ortsnamens Woley oder Wolley. Ein Vorfahr aus der Kolonialzeit, der Weber Richard, war als Wooley, aber auch als Woolworth bekannt. Frank, sein jüngerer Bruder Charles und die Eltern zogen später auf eine andere Farm in der Nähe von Great Bend im gleichen County.