Frankfurt/Main

Zum Auftakt des hessischen Landtagswahlkampfs boten die Sozialdemokraten ihrer ersten Mann auf. Doch der Bundeskanzler fand im Land der absoluten SPD-Mehrheit unterschiedliche Resonanz. Während er in Darmstadt und Rüsselsheim auf einer Woge des Wohlwollns schwamm, mischten sich in Frankfurt Zeichen des Mißtrauens und der Enttäuschung unter die Beifallsbekundungen. Willy Brandt erfuhr, was er schon wußte: Seine Ostpolitik kam von aller Offerten mit Abstand am besten an.

Doch die sozialliberale Regierung wird derzeit weniger daran gemessen, was sie in Moskau oder Warschau erreicht hat, als an den Methoder ihrer Wirtschaftspolitik. In Frankfurt sah sich der Kanzler als "Mann der Mitte" nicht zuletz: von Genossen bedrängt, die innerhalb der SPD den linken Flügel zur Durchsetzung entschiedener sozialer Reformen stark machen wollen. Willy Brandt kennt Frankfurts Oberbürgermeister Walter Möller und dessen Vorstellungen etwa zur Frage des Bodenrechts nicht erst seit seiner Stippvisite. Doch wie stark die Problematik der steigenden Mieten und des Spekulantentums mit Grund und Boden zahllose Großstadtbürger gegenwärtig beschäftigt, mag der Kanzler zuvor in dieser Deutlichkeit nicht geahnt haben.

An der traditionellen Hauptwache empfingen ihn Tausende demonstrierender Bewohner des sterbenden Stadtteils "Westend" mit Spruchbändern und schwarzen Fahnen. Der Gast aus Bonn taktierte vorsichtig und ließ sich zu keinen Wahlversprechungen hinreißen. Später, während einer Pause in Rüsselsheim, siegte zaghafter Optimismus über die anfängliche Betroffenheit, die der Aufmarsch der Unzufriedenen bei Brandt ausgelöst hatte. "Ich glaube gesehen zu haben", sagte er, "daß die Leute in der einen Hand das Transparent hielten und mit der anderen Beifall klatschten." Ministerpräsident Albert Osswald erinnerte sich der "Trauerflaggen" und formulierte daraus einen Wahlkampfslogan: "Hessen", rief er, "darf keinesfalls schwarz werden." Der schlichte Satz zündete wie kein anderer zuvor.

Hans-Joachim Noack