Überraschend schnell hat die ägyptische Staatspartei, die Arabische Sozialistische Union (ASU), einen Nachfolger für Präsident Nasser aufgestellt: Der amtierende Staatspräsident Anwar el Sadat soll an der Spitze eines Dreierkollegiums die Geschäfte führen. Die Wahl des 52jährigen Sadat muß am 15. Oktober in einer Volksabstimmung mit einfacher Mehrheit gebilligt werden.

Nach Vorschlag des Exekutivkomitees der ASU wird Ali Sabri, Vertreter des linken Flügels und Vertrauter der Sowjetführer, als Präsident der Partei zweitstärkster Mann in der Regierungstroika. Die Regierungsbildung hat Moskaus Einfluß gestärkt. Ministerpräsident Kossygin hat keinen Zweifel gelassen, daß die Sowjetunion Ägypten weiterhin unterstützen werde, aber auf einer politischen Lösung des Nahostkonfliktes beharre (siehe „Dokumente der ZEIT“). Die enge Bindung wird auch durch die Ernennung des bisherigen stellvertretenden Außenministers Wladimir Winogradow zum neuen Sowjetbotschafter in Kairo dokumentiert.

Mit der Einsetzung einer funktionsfähigen Regierung in Ägypten sind auch die Hoffnungen auf eine Fortsetzung der diplomatischen Bemühungen um den Frieden im Nahen Osten gestiegen. Offen bleibt dabei, ob Sadat sich gegenüber den Freischärlern ebenso durchsetzen kann wie Nasser. Nach isrealischer Auffassung hat aber der Chef der Palästinenser, Yassir Arafat, durch die Schlappe im jordanischen Bürgerkrieg politisch an Gewicht verloren.

Kairo und Jerusalem haben beide ihre Bereitschaft bekundet, den am 5. November auslaufenden Waffenstillstand am Suezkanal zu verlängern. Dagegen gibt es keine Anzeichen für eine Wiederaufnahme der UN-Gespräche. Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, sie für einige Zeit ruhen zu lassen. Der UN-Vermittler im Nahostkonflikt, Gunnar Jarring, ist nach Moskau zurückgekehrt, um seine Tätigkeit als schwedischer Botschafter wieder aufzunehmen. Er wird Mitte Oktober in New York zurückerwartet.

Israel verlangt weiterhin den Abbau aller nach dem Waffenstillstand errichteten ägyptischen Raketenstellungen (siehe Karte). Über zwanzigmal hat es bei der Überwachungskommission der UN gegen ägyptische Verstöße protestiert. Kairo lehnt es dagegen, so Außenminister Riad, rundweg ab, auch nur eine Rakete zurückzunehmen oder überhaupt über diese Fragen zu diskutieren.

Unbeschadet ihrer Friedensinitiative haben die Vereinigten Staaten Israel einen Kredit über 450 Millionen Dollar für Waffenkäufe eingeräumt. Der Kongreß ermächtigte die Regierung, unbegrenzt Waffen und Gerät an Israel zu verkaufen, „um das militärische Gleichgewicht im Nahen Osten wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten“. Die Zustimmung des Senats steht noch aus.

In Jordanien herrscht gespannte Ruhe. Offensichtlich bemühen sich beide Seiten, den Waffenstillstand einzuhalten und die Bedingungen zu erfüllen, die zwischen dem Leiter der arabischen Friedensmission, dem tunesischen Ministerpräsidenten Ladgham, und Arafat ausgehandelt wurden. Wie vereinbart, ziehen sich die Partisanen aus Amman und den meisten jordanischen Städten zurück, weigern sich aber, die zurückbleibenden Mitglieder der Volksmilizen zu entwaffnen.

Der Ladgham-Kommission gelang es, auch im Norden beide Seiten zur Karnpfeinstellung zu bewegen.