Von Jörg Andrees Elten

Kairo‚ im Oktober

Tränenüberströmt kniete der ägyptische Bauarbeiter in seinem Flanellhemd nieder, wuchtete eine schwere Marmorplatte in die Fugen und verschloß damit die Gruft der Nasser-Moschee in Kairo. „O Gamal“, jammerte er immer wieder, „o Gamal, du hast uns als Waisenkinder zurückgelassen. Wir haben keinen Vater mehr, wir haben keine Mutter!“

Vor der braunen Sandsteinmauer der Moschee nahmen sie den Klageruf auf – schluchzende Offiziere zu Pferde, verzweifelte Fallschirmjäger und zitternde Halbwüchsige. „Gamal, wir haben keinen Vater mehr!“ Das pompöseste, chaotischste, erregendste Staatsbegräbnis des Jahrhunderts war vorüber. Die sterblichen Überreste Gamal Abdel Nassers hatten ihre letzte Ruhe gefunden.

In der beispiellosen orientalischen Gefühlsaufwallung ist der Schmerz über den Verlust des „Rais“ verflogen. Geblieben sind Verwirrung und Ratlosigkeit. Achtzehn Jahre lang hat Nasser die totale Macht ausgeübt, aber er war mehr als ein Diktator: Er wurde den 32 Millionen Ägyptern zum Vater der Nation. Jetzt stellt sich unerbittlich, die Frage nach dem Nachfolger.

Es sind nicht die Leute auf der Straße, die sich darüber den Kopf zerbrechen. Sie wissen, daß man sie nicht um ihre Meinung fragen wird. Noch können sie sich überhaupt keinen Nachfolger vorstellen. Selbst wenn Ägypten ein demokratisches Land wäre und verschiedene Präsidentschaftskandidaten um die Gunst der Wähler ringen müßten – das Wahlergebnis würde mit Sicherheit zeigen, daß keiner eine tragfähige Mehrheit gewinnen könnte. Neben Nasser vermochte sich kein anderer Politiker zu profilieren. Nur er war populär. Nur er besaß Macht. Alle, die ihm in hohen Ämtern dienten, waren nur Vollstrecker seines Willens. Nasser besaß nicht einmal Berater; er hatte nur Bewunderer. Er hat – eifersüchtig, schlau und mißtrauisch wie alle Diktatoren, die sich lange an der Macht halten – keinen Kronprinzen hinterlassen. Der Kampf um die Nachfolge begann in einem Machtvakuum.

Noch bevor sich die Gruft über Nassers Leiche schloß, spürten die rund 400 Journalisten, die zur Beerdigung nach Kairo eingeflogen waren, die Nervosität, mit der das ägyptische Establishment in diesen Kampf eintrat. Die Presseleute dürften über alles berichten – nur nicht über das, was die Welt nach Nassers Tod am meisten interessiert: Wer wird Nassers Nachfolger? Wann immer das heikle Thema berührt wurde, griff der Zensor ein, strich Manuskripte, unterbrach Fernschreib- und Telephonverbindungen.