Bremen

Daß die Bremer Marcusallee eine Prachtstraße ist, wissen nicht nur die Besitzer der dort anliegenden herrlichen Villen. Dem Rechtsanwalt und ehemaligen CDU-Landesvize Hans Ludwig Kulenkampff verdankt die Öffentlichkeit in jüngster Zeit eine exakte Definition vom Wer: dieser Straße. Sie ist „die Wohngegend für den gehobenen oder besser gesagt den gehobensten Bedarf, die Wohngegend, die die höchsten Ansprüche an ruhiges Wohnen gewährleistet; kein Gebiet der Stadtgemeinde in solcher Stadtnähe ist derartig für den gehobenen Wohnbedarf zugeschnitten wie dieses Gebiet“. Kulenkampff; Schwärmen für die Marcusallee hat einen Grund: Es soll beweisen, was in eine derart gehobene Gegend nicht hineingehört – ein Altersheim mit alten Leuten.

Die Klage gegen den Ausbau des Altersheimes Marcusallee war in erster Instanz vom Verwaltungsgericht abgelehnt worden. Es wurde gebaut. Der Neubau ist fertig. Er bietet hundert alten, zum Teil bettlägerigen Menschen ein Zuhause für den Lebensabend. Die Kläger jedoch gingen in die Berufung. Kulenkampffs Kampf gilt einem fertigen, bezogenen Haus.

Er macht vor dem Oberverwaltungsgericht „formale“ und „sachliche“ Gründe geltend. Die formalen beziehen sich auf Bebauungsvorschriften und Ausnahmen für Gemeinbedarfsflächen. Die „sachlichen“ muten bei der Lektüre der Schriftsätze wie makabre Scherze an. Da heißt es zum Argument des Altersheimbesitzers, der gemeinnützigen Bremer Heimstiftung, Altersheime bedürfen einer besonders ruhigen Wohnlage: „Ob eine besonders ruhige Wohnlage erförderlich ist, kann schon zweifelhaft sein. Auf jeden Fall gibt es zahlreiche ruhige Wohnlagen in allgemeinen Wohngebieten, in denen Altersheime ohne weiteres untergebracht werden können. Es ergibt sich also nichts dafür, daß ausgerechnet das Altersheim an dieser Stelle untergebracht werden muß.“ Auch der Hinweis der Stiftung auf die günstige Lage am Rhododendronpark erfährt eine verblüffende Korrektur durch den Anwalt: „Gewiß ist der Park ein besonders beliebtes Ziel für Spaziergänger. Die längste Zeit des Jahres aber ist er sehr einsam. Die alten Leute meiden den Park aus Furcht vor Überfällen.“

Was die klagenden Anwohner bisher schon erdulden mußten, die Existenz einer Schule für Sprach- und Hörgeschädigte und einen Kindergarten in ihrer Nachbarschaft, soll nun durch die Alten zur Katastrophe werden: „Die Verschmutzung des Gebietes durch die Unzahl von Besuchern.“ Denn, man höre und entsetze sich: „Schon heute findet man in der Marcusallee immer wieder Papierabfälle in den Vorgärten und auf der Straße.“ Der Stadtgemeinde, die den Erweiterungsbau für die Alten mit 1,3 Millionen Mark unterstützt hat, sagt Kulenkampff, wieviel Geld gespart worden wäre, wenn nicht gerade in der gehobensten Wohngegend für die Alten gebaut worden wäre: „Bei richtiger fiskalischer Überlegung wäre man also zu dem Schluß gekommen, hier etwa acht neue Baugrundstücke zu schaffen und einzeln zu verkaufen.

Der direkten Frage des Präsidenten des Oberverwaltungsgerichtes, ob seine Mandanten verlangen, das Altersheim solle wieder abgerissen werden, wich Kulenkampff in der Verhandlung aus. Er berief sich auf die Folgen der noch ausstehenden Gerichtsentscheidung. Dem Vernehmen nach will der Anwalt bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen, wenn er in Bremen nicht bekommt, was er für Rechtens hält.

Unterdessen: fühlen sich die Alten im neuen Haus wohl; versichern Leute, die gegen das Heim in der Marcusallee sind, Altersheime müßten natürlich sein, nur nicht gerade in ihrer Nähe (Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß); hielt die Rentnerin Lina Kieck in einem offenen Brief Anfrage bei der CDU, was diese zu den „ungeheuerlichen Beleidigungen aller alten Bürger“ durch ihr Mitglied Kulenkampff sage; weissagte ein Leserbriefschreiber in der Zeitung: „Merke! Auch Anwohner der Marcusallee können alt und pflegebedürftig werden.“ Lilo Weinsheimer