Die Ägypter haben sich rascher auf einen Nachfolger für Gamal Abdel Nasser geeinigt, als in der Gefühlsaufwallung der Trauerwoche zu erwarten war. Wie verläßlich und dauerhaft die Regelung ist, mag noch dahinstehen. Auf jeden Fall ist zunächst der Blick auf die diplomatische Bühne wieder frei geworden.

Dabei zeigt sich, daß der Tod des Rais einen doppelten außenpolitischen Effekt hat. Dem kleinen Frieden zwischen den widerstreitenden Parteien in Jordanien, den Nasser an seinem letzten Lebenstage noch schließen half, könnte sein tragisches Ende größere Festigkeit verleihen; der Schock kittet vielleicht. Der große Frieden jedoch, der zwischen Arabern und Israelis, ist nicht leichter geworden. Es fehlt der Mann, der einen Friedensschluß auf sich nehmen könnte, ohne deswegen des Verrats an der arabischen Sache geziehen zu werden.

Wenn es in dieser Situation einen Trost gibt, dann höchstens diesen: daß die arabische Welt zwar unfähiger geworden ist, Frieden zu schließen, aber in den Ereignissen der letzten Wochen zugleich auch die Fähigkeit eingebüßt hat, Krieg zu führen. Fürs erste ist wohl mit einem tristen Patt zu rechnen – und mit langwierigen Auseinandersetzungen zwischen Verhandlungswilligen und Konfrontationswütigen. Wahrscheinlich ist kein Ausbruch zu erwarten, aber vermutlich auch kein Durchbruch.

Freilich wäre eine Chance vertan, wenn beide Seiten aus purer Verlegenheit an ihrer alten Politik und ihren alten Parolen festhalten wollten. Der Tod hat dem Orient ein Pausenzeichen gesetzt. Eine Hinwendung zum Realismus wäre fällig: die Erkenntnis bei den Erben Nassers, daß die alten Träume nur ins Scheitern führen, die Einsicht bei seinen Gegnern in Israel, daß starre militärische Selbstbehauptung nicht genügen kann, den Frieden und damit auf lange Sicht das Überleben des Staates Israel in einem Meer von Arabern zu verbürgen.

Noch ist solch radikales Umdenken auf einen Neubeginn hin nicht zu entdecken. Zunächst wird es vor allem darauf ankommen, den Faden nicht abreißen zu lassen, den der amerikanische Außenminister Rogers im Sommer zwischen den verfeindeten Parteien angesponnen hat. Das wichtigste ist jetzt, den Waffenstillstand, der am 5. November abläuft, zu verlängern. Zugleich jedoch müssen die eigentlichen Friedensgespräche vorangetrieben werden, die stocken, seit die Ägypter in Verletzung der Waffenstillstandsvereinbarung ihre sowjetischen SAM-Raketen in die Kanalzone vorschoben.

Die Schwierigkeit ist, daß Israel sich auf Gespräche nicht einlassen will, ehe die Raketen zurückgezogen sind, daß umgekehrt jedoch die Ägypter sich gegen eine Waffenstillstandsverlängerung sträuben, solange Israel den Friedensbemühungen der Vereinten Nationen die kalte Schulter zeigt. Diese Schwierigkeit birgt allerdings auch die Elemente eines möglichen Kompromisses. Hier jedenfalls liegt der Ansatzpunkt. Die Kriegsmüdigkeit der Völker, die Schadenskalkulationen beider Seiten und der Druck der Großmächte könnten dazu beitragen, die Militanz in Zaum zu halten. Th. S.