Kritische Anmerkungen zu einer umstrittenen Wissenschaft

Von Erwin Scheuch

Die Soziologie ist heute auf eine merkwürdige Weise zumindest populär und teilweise erfolgreich. Es ist noch nicht abzusehen, wie die Soziologie als wissenschaftliches Fach von diesem Teilerfolg genesen wird.

Populär wird es, das Wort Soziologie zu benutzen. „Das deutsche Volk in seiner soziologischen Zusammensetzung...“,sagt heute ein Politiker. Selbstverständlich ist dies – wörtlich genommen – Unsinn. Es muß heißen: „Das deutsche Volk in seiner sozialen Zusammensetzung.“ Soziologisch kann nicht ein Sachverhalt selbst sein, sondern nur die Untersuchung dieses Sachverhaltes. Es ist etwas pedantisch, einen solchen Irrtum im Wortgebrauch zu rügen. Hier ist nur relevant, diesen Irrtum als Indiz zu verstehen. Das Wort „Soziologie“ kann heute verwandt werden, um Sprache zu erhöhen; wer in einen Satz das Wort Soziologie einfügt, meldet damit den Anspruch auf Tiefsinn an.

Nicht allein das Wort „Soziologie“, sondern auch viele Wörter der Soziologie sind zunächst in die gehobene Umgangssprache der Feuilletons eingegangen und zu einem geringeren Grade inzwischen in anspruchsvollere politische Reden. Hierarchische Strukturen, Ideologie, autoritäre Persönlichkeit, Subkultur, Funktionalität, Institutionalisierung, Partizipation: dies sind einige dieser Worte. Unabhängig von ihrer richtigen Verwendung haben solche Worte eine symbolische Bedeutung erhalten. Wer dieses Halblatein benutzt, weist sich als „progressiv“ (übrigens nicht gleichbedeutend mit „fortschrittlich“!) aus. „Progressiv“, das hat als Wort solche geschätzten Anmutungsqualitäten wie jugendlich, dynamisch, unkonventionell – ähnlich den Worten atmungsaktiv und pflegeleicht.

Diese pflegeleichte und atmungsaktive, scheinsoziologische Sprache ist gewiß auch komisch. Solche Moden kommen und gehen. Vielleicht veredeln die pflegeleichten und atmungsaktiven unter den sogenannten Intellektuellen morgen ihre Sprache vor allem mit Worttrümmern aus der Psychoanalyse: Regression, Frustration, libidinös, polymorph-pervers, Superego, Transfer und Projektion – das macht sich genauso gut für piekfeines Party-Gerede. Für ein wissenschaftliches Fach ist eine solche Beliebtheit seiner Worte jedoch nicht komisch. Geht eine Disziplin so ins öffentliche Gerede ein, besteht Grund zur Selbstprüfung. Wieso eignet sich eine spezielle Begrifflichkeit, die am Erkenntnisobjekt eines Faches entwickelt wurde und eben nicht aus dem allgemeinen Nachdenken über Alltag, als ein Teil der Alltagssprache?

Mindestens zwei miteinander verwandte Antworten scheinen mir naheliegend. Vielen Menschen sind heute die Selbstverständlichkeiten ihres Alltags zu Fragwürdigkeiten geworden. Überall brechen Konventionen zusammen. Eine Wissenschaft, von der allgemeine Erklärungen über Gesellschaft vermutet werden, wird mit diesen Änderungen selbst aktuell.