Im September hat sich die Abwärtsbewegung der meisten deutschen Aktienkurse fortgesetzt. Sieht man von einigen Sonderfällen wie Zellwald ab, wo nach der Verbindung mit Aschaffenburger Zellstoff offenbar jeglicher spekulativer Reiz fehlt, so blieben sensationelle Kursstürze aus. Das ist kein Wunder, denn die Anleger (vor allem auch die private Bankenkundschaft) halten sich auf der jetzt erreichten Kursbasis mit Aktienverkäufen zurück. Nur dort, wo der Liquiditätsdruck zum Verkaufen zwingt, wird Material auf den Markt geworfen.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. So soll es deutsche Investment-Fonds geben, die selbst heute noch mit der Verminderung ihres deutschen Portefeuilles beschäftigt sind, weil sie „schwere Wochen“ für die deutsche Börse voraussehen.

Immer mehr zur (relativen) Kursstützung tragen die wachsenden Barrenditen bei; in Zeiten des knappen und teueren Geldes haben sie eine größere Bedeutung gewonnen als das Kurs/Gewinn-Verhältnis, das in der gegenwärtigen Börsensituation nur noch als dekoratives Beiwerk empfunden wird.

Sieht man sich die Barrendite einiger Eisen- und Stahlaktien oder der Großchemie an, so nähern sie sich dem Zinsniveau des Rentenmarktes. „Aktien sind heute Rentenwerte mit Besserungsschein“ – dieser Börsenslogan hat ohne weiteres seine Berechtigung, denn der Aktienkäufer von heute sichert sich in etwa die gleiche Verzinsung, wie er sie bei den 8 1/2prozentigen Anleihen erzielt, hat aber daneben die Chance, daß er bei einer Tendenzwende „zum Guten“ mit seiner Aktie ungleich höhere Kursgewinne erzielen würde, als dies bei festverzinslichen Papieren möglich ist.

Die Frage, die sich allerdings stellt, ist folgende: Werden die Unternehmen in der Lage und willens sein, ihre für 1969 (1968/69) gezahlten Dividenden aufrechtzuerhalten? Und wie werden die Ausschüttungen für 1971 aussehen? Dividendenkürzungen würden die Renditen einschneidend verschlechtern.

Bei den Unternehmen der Großchemie werden Dividendenkürzungen auch für 1971 als unmöglich angesehen. Für die Unternehmen ist der stets ungehinderte Zugang zum Kapitalmarkt, um Kapitalerhöhungen durchführen zu können, eine Lebensfrage. Eine – auch nur zeitweise – Rücknahme der jetzt beachtlich hohen Ausschüttungen würde das Vertrauen in die Aktien so erschüttert, daß die Zeit hoher Ausgabekurse wohl für viele Jahre vorüber wäre.

Bei den Eisen- und Stahlgesellschaften liegen die Dinge weniger klar. Wie sich in der Vergangenheit gezeigt hat, ist ihnen die Investitionsfinanzierung weitgehend ohne Kapitalerhöhungen, ohne Inanspruchnahme der Aktionäre, gelungen. Die Konzerne von Rhein und Ruhr werden sich kaum scheuen, die Dividenden zu kürzen, wenn es ihnen vertretbar erscheint. Das ist die Meinung vieler Börsianer – und sie kommt auch in den Kursen zum Ausdruck. K. W.