Die Vampirvorstellungen von den göttlichen und halbgöttlichen Feinschmeckern, die das Blut der ihnen zum Opfer dargebrachten Menschen oder Tiere genüßlich vertilgten, wurden im Laufe der Jahrhunderte abgebaut. Auch ist es in unserem Kulturkreis nicht mehr üblich, wie zu Zeiten des Faust und der Indianer durch Austausch von Blutstropfen Treueverpflichtungen einzugehen oder Verträge zu unterschreiben. Dennoch hat sich der Mythos vom Blut als dem „ganz besonderen Saft“ bis in unsere Zeit hinein gehalten. Der Glaube an seine lebenspendende Kraft ist geblieben: Wer Blut gibt, gibt Leben.

Daß auch Tote Leben retten können, ist zwar durch die seit einigen Jahren vorgenommenen Organverpflanzungen nicht unbekannt, auf dem Gebiete des Blutes aber hierzulande noch nicht akzeptiert. Den Gegnern der Organentnahme droht nun ein weiteres Ärgernisobjekt. In der UdSSR wird bereits praktiziert, wovon deutsche Ärzte nur zu träumen wagen: die Entnahme von Blut soeben Verstorbener und Konservierung dieses Lebenssaftes bis zur päteren Verwendung am lebenden Menschen. Gleich nach Feststellung des Todes – er wird auch hier als irreversible Beendigung der höheren Gehirnfunktion angenommen – wird dem Toten eine größere Menge Blut entnommen und auf seine Beschaffenheit und Eignung als Blutkonserve hin untersucht; der Gehalt an weißen und roten Blutkörperchen wird ebenso bestimmt wie der Sauerstoff- und Gerinnungsstatus. Daß nur Patienten Blut entnommen wird, die an nicht übertragbaren Krankheiten starben, ist selbstvertändlich.

Zweifellos müssen noch viele Vorurteile aus dem Wege geräumt werden, ehe diese Maßnahme in unserem Lande übernommen werden kann. Im Hinblick auf die zunehmende Zahl der Verkehrs- und Unfallopfer ist aber der Blutbedarf ständig im Steigen begriffen. Dagegen nimmt die Spendefreudigkeit in unserer Wohlstandsgesellschaft mehr und mehr ab. Es sei hier nur an die vielfältigen Aufrufe zu Blutspendeaktionen erinnert, denen immer weniger gefolgt wird, so daß an einigen Krankenhäusern und Kliniken mir das Mindestmaß an Blutkonserven zur Verfügung steht. Es ist keine Seltenheit, daß im Krankenhaus tätige Personen oder Verwandte des Kranken, der eine Bluttransfusion benötigt, sich bereit erklären, für ihn Blut zu spenden, damit das zur Verfügung stehende Blut für dringende Notfälle weiterhin bereitgehalten werden kann. Eine Blutentnahme bei Toten hätte weiterhin den Vorteil, größere Mengen entnehmen zu können und nicht auf die üblichen 500 ccm der Spender angewiesen zu sein.

Es wird aber noch wohl viel Mühe und Zeit kosten, das angeblich immer noch gesunde deutsche Volksempfinden dahingehend zu beeinflussen, daß eine Leiche als Objekt akzeptiert wird, dem man neben verschiedenen Organen eben auch diesen „ganz besonderen Saft“ entnehmen und bei kranken Menschen lebensverlängernd anwenden kann. M. E.