Von Robert Jungk

In der Lobby des „Hotel International“ am „Goldstrand“ bei Varna lagen Zeitungen aus der DDR und die deutschsprachigen „Sofioter Nachrichten“ herum. Sie verkündeten jedem Teilnehmer des Siebenten Weltkongresses der Soziologen, daß sie nicht nur einen „Höhepunkt des internationalen wissenschaftlichen Lebens“, sondern auch einen „großen Erfolg der marxistischleninistischen Wissenschaft“ miterleben durften. Das mußte selbst auf die Tolerantesten wie eine Herausforderung wirken.

Denn es gab wohl keinen (weder von westlicher noch von östlicher Seite), der diese Monsterveranstaltung der Gesellschaftswissenschaften nicht mit Unbehagen verfolgt hätte. Die endlosen meist mit erstaunlichem Mangel an Didaktik und Rhetorik in den einzigen beiden zugelassenen Konferenzsprachen Englisch und Französisch vorgelesenen Papiere, die vielen dogmatischen Leerformeln, der Mangel an echten Diskussionen und zu alledem meist auch noch unmögliche akustische Verhältnisse aus dem prä-elektronischen Zeitalter – all das schuf eine Stimmung permanenter Frustration, wie ich sie noch auf keiner Tagung erlebt habe.

Viele ausgezeichnete westliche Forscher hatten abgesagt. Zum Teil aus prinzipiellem Mißtrauen gegen derartige Tagungen, die sich immer mehr zu geistigen Mustermessen oder gesellschaftlichen Anlässen entwickeln, bei denen man „gewesen sein muß, um etwas zu gelten“, zum Teil aus Protest gegen die Ausschließung beliebter und anerkannter Kollegen aus den „sozialistischen Ländern“, besonders aus der Tschechoslowakei. Diejenigen, die dennoch die Reise ans Schwarze Meer unternommen hatten, hofften auf einen sonst kaum möglichen persönlichen Kontakt mit Kollegen aus „harten Ostländern“ wie der UdSSR, der DDR, Polen und Bulgarien. Auch diese Erwartung wurde zum Teil enttäuscht. Der ursprünglich dem internationalen Organisationskomitee ausdrücklich zugesagte Zustrom junger Forscher und Studierender, zum Beispiel aus der Sowjetunion, die in einem eigenen großen Jugend-Camping am Strand untergebracht werden sollten, blieb aus. Selbst die Reisen in ein „Bruderland“, so erfuhren wir von den erschienenen Freunden aus Moskau, Berlin und Warschau, werden streng kontrolliert, wenn auch nicht ganz so rigoros wie Fahrten nach dem Westen.

In Wahrheit offenbarte Varna, daß die wechselvollen Nachkriegsbeziehungen zwischen Wissenschaftlern aus dem Westen und Osten wieder einmal in einem „Tief“ stecken. Die Anfänge eines kritischen und selbstkritischen offenen Gespräches, die in den Jahren 1967 festzustellen waren, sind steckengeblieben. Der Rückfall in die durch behördliche Überwachung und Unterdrückung unvermeidlich werdende „Doppelzüngigkeit“ der couragiertesten unter den Sowjetgelehrten muß mit Bedauern, ja mit Trauer festgestellt werden. Wenn ich mich frage, was mich am stärksten in dieser absurden Septemberwoche bewegt hat, so war es weniger das blasse ängstliche Gesicht des westdeutschen Teilnehmers, den gerade ein paar bullige „Saalordner“ unter Fußtritten „belehrt“ hatten, daß man bei ihnen seinem Mißfallen nicht mit „Buhrufen“ Ausdruck geben darf, als das maskenhafte Lächeln eines ausgezeichneten und klugen russischen Forschers beim öffentlichen Verlesen dogmatischer Formeln, die ihm die Obrigkeit aufgedrängt hatte. Denn körperliche Schmerzen, wie sie der Dr. H. aus Bochum erleiden mußte, sind letztlich weniger schlimm als die zur Verkrüppelung führenden geistigen Verlegungen, denen sich staatlich oder wirtschaftlich abhängige Geister heutzutage unterwerfen müssen.

Beim Erwachen aus dem bulgarischen Alptraum, bei meiner Rückkehr nach Österreich, fiel mir die neueste Nummer der „Nature“ (19. September) in die Hand, in der Dr. Zhores A. Medvedev, ein weltbekannter sowjetischer Biologe, berichtet, wie die verschiedensten Instanzen seiner „Obrigkeit“ vom Gesundheitsministerium über das Außenministerium bis zum Zentralkomitee verhindert haben, daß er vor einem Kongreß der CIBA in Sheffield über Fragen der Gerontologie sprechen durfte. Er hatte die Einladenden von Anfang an in naturwissenschaftlich verschlüsselter Sprache gewarnt, daß nur „Moleküle, die kein + oder kein – besäßen (also chemisch inert seien), gute Chancen besäßen, durch die verschiedenen absorbierenden Filter zu gelangen.“

Medvedev selbst, zweifellos eine Persönlichkeit mit „starker Ladung“, war nicht gewillt, sich zu verstellen, sich als neutral auszugeben. Er kämpfte um seine Reise, und das hat ihn schließlich in eine psychiatrische Heilanstalt gebracht, aus der ihn erst im vergangenen Juni die Proteste vieler sowjetischer Gelehrter befreiten.

Jedem, der mit Kollegen aus den sozialistischen Ländern in den letzten zwei Jahren Kontakt hatte, weiß, wie sehr seit Prag das System der behördlichen Kontrollen und Eingriffe in das wissenschaftliche Leben wieder verschärft wurde. Die Verschlechterung der politischen Lage hat auf die gerade erst aufblühenden internationalen wissenschaftlichen Beziehungen wie Frost im Spätfrühling gewirkt. Und doch hat sich etwas geändert. Man weiß jetzt hüben wie drüben noch besser als vorher einen scharfen Unterschied zwischen Wissenschaftsfunktionären und Forschern zu machen: der Untergrund der lebendigen undogmatischen Wissenschaft wächst in beiden Lagern. Es ist von einigen Berichterstattern kritisiert worden, daß die westlichen Gelehrten in Varna nicht entschiedener in den öffentlichen Diskussionsforen gegen die Flut von Propagandareden aufgetreten seien. Sie taten es nicht, weil sie wußten, daß die meisten ihrer Kollegen aus den sozialistischen Ländern hier nur zum geringsten Teil ihre eigenen Gedanken vortragen durften. Hätten diejenigen, die von „außen“ kamen und dorthin, zurückkehren konnten, „Gratismut“ beweisen und damit nur den überwachenden Apparatschiks Argumente für die noch entschiedenere Abschließung ihrer Forscher liefern sollen? Nein, die wirklichen Debatten fanden ohnehin, soweit das möglich war, außerhalb der Hörsäle statt, am Strand, im Restaurant, in Hotelzimmern: in den Katakomben von heute. Und hier erfuhr man, daß die Forschung lebt, daß überall Kräfte am Werk sind, die geduldig und durchaus nicht unwirksam in Leningrad wie in Cambridge, in Dresden wie in Akademogorsk, Santa Monica oder Marburg eine neue Wirklichkeit vorbereiten, der „Varna“ hoffentlich einmal wie „München“ klingen wird, als späte Etappe einer sterbenden Establishmentforschung.