Von Lotte Becker-Voss

Mir war es fast egal, wohin ich reiste. Ich wollte nur in die Sonne. Auf dem Flughafen sah mich ein Kollege, der mißbilligend den Kopf schüttelte, als meine Maschine nach Palma de Mallorca aufgerufen wurde. Mein Image als Individualistin war dahin.

Mallorca empfing uns mit dem in Prospekten versprochenen Sonnenschein. Im Abfertigungsgebäude des Flughafens schoben sich Gruppen von bleichen Ankömmlingen durch Gruppen von braunen Abreisenden auf geschäftige Organisatoren zu. Hier werden in der Hochsaison täglich 30 000 Urlauber abgefertigt. Man will nicht glauben, daß es auf dieser Insel noch ein Fleckchen geben soll, wo außer landschaftlicher Schönheit, Sonne und Wasser auch noch Ruhe zu finden ist.

Ich fand dies alles in Deya, 30 Kilometer von Palma an der Nordwestküste. Zwischen den Touristenattraktionen Valldemosa (Chopin und Georges Sand fanden dort im Kartäuserkloster Unterschlupf) und Soller liegt das Dorf malerisch auf einem 200 Meter hohen Hügel. Die Omnibusse der Inselrundfahrten lassen es links liegen. Aber kein „guide“ vergißt anzusagen, daß Deya die Künstlerkolonie Mallorcas beherbergt. Maler und Schriftsteller haben schon vor Jahrzehnten entdeckt, daß die Musen zwischen dem Teix-Gebirge und der Bucht von Deya besonders aktiv sind. 400 Einwohner leben im Dorf, im Sommer werden es auch 700.

Der englische Schriftsteller Robert Ranke-Graves – ein Enkel des großen Ranke – lebt ständig in Deya. Er ist der prominenteste Fremde. Von den Malern sind Mary und Ross Abrams aus New York am bekanntesten. Ein halbes Hundert englischer Twens, angezogen vom mallorquinischen Way of life kommt noch dazu; es sind Hippies, und man sucht ihre amüsante Gesellschaft im Gasthaus am Dorfeingang.

Es gibt in Deya ein rundes Dutzend mittlere und kleine einfache Pensionen. Und das Vier-Sterne-Hotel Es Moli – ein Tip für Leute, die eigentlich nicht (mehr) nach Mallorca fahren wollten. Den Gedanken, eine 300 Jahre alte Ölmühle in ein Ferienparadies eigener Prägung zu verwandeln, hatten zwei Deutsche. Ihnen gehört das Es Moli seit 1966. Sie bauten noch zwei Flügel an das aus meterdicken, kühlen Mauern gebaute Stammhaus, legten einen schönen Garten an und leiteten das reichlich vorhandene Quellwasser in den größten Swimming-pool der Insel. Monsieur und Madame Blanc – ein Hotelierehepaar aus der Schweiz leiten ~~~ ~~~ vom 15. Marz bis zum 15. Oktober. 60 Angestellte mühen sich um maximal 120 Gäste. Nie Nie zuvor habe ich soviel hervorragendes Hotelpersonal unter einem Dach vereint erlebt. Fast alle sind Mallorquiner und kommen Jahr für Jahr wieder in die Mühle.

Im Garten der Mühle gibt es zahlreiche verschwiegene Eckchen, wo man wirklich ungestört ist. Hier tritt keiner auf den andern. Ich hatte meinen Stammplatz auf einer der oberen Gartenterrassen unter einem Aprikosenbaum. Nach Osten zu ist die Hochgebirgslandschaft fast zum Greifen nah. Auf den zerklüfteten Gipfeln liegt – so meint man – nur aus Versehen kein Schnee. Im Westen, zwei Kilometer entfernt, ist das Meer.