1. Jeder nuckelt mal an Pechsträhne. Meine hieß Egon. Egon, der Na-laß-mich-mal-machen. Überall dabei. Immer einen Finger drin, macht alles, weil ihm nichts macht. Egon, das Ausrufezeichen! Zieht den Kopf aus Loch im Bauch, das er mir reingerannt, raus, „Knefabend, willste Freikarte?“ Geschenkter Gaul, dachte ich. Wollte.

Im Spot ein langes Kleid. Die Leute stellen ewiges blödes Rhabarber-Rhabarber-Gequassel ab und gucken nach vorn. Da reißt die Knef ohne jede Vorwarnung Augen auf wie ein verendender Goldfisch, Pupillen nach oben drehend. Restloser Volltreffer. Die Leute fahren. zusammen. Ich habe Angst. Durchstehen ist alles. Jetzt orgeln schon die ersten Chansons, tralalabumm, tralalabumm über unsere Köpfe weg, Einschläge liegen ziemlich weit hinten. Ich ziehe Kopf ein, blicke mich um. Hinten springen die ersten Leute tosend auf. Ich reiße Kopf nach vorn, nicht schnell genug, tralalabumm macht’s, das muß ganz in meiner Nähe gewesen sein, schwarzes Zeug wirbelt um mich herum, nimmt mir Sicht, ich muß irgendwas schreien. Bravo, brülle ich, alle wiehern, bravo! Das schwarze Zeug, beim Aufschlag nach oben spritzend, kommt wieder herunter, tralalabumm, tralalabumm, dröhnt es weiter, jetzt hat sich der klebrige Brei am Boden niedergeschlagen, ich kann wieder sehen, starre in aufgerissene Augen auf der Bühne. Nur Augen, mit schwarzen Zacken drumrum. Was da immerfort, tralalabumm, tralalabumm, neben uns einschlägt, hochspritzt und wieder herunterfällt, schmeckt herb, aber auch ziemlich süß. Sirup ist es nicht. Deckung, schreie ich mitten im allgemeinen Schreien, Johlen und Pfeifen. Es ist Pflaumenmus, was da tralalabumm, tralalabumm, neben unseren Ohren zerplatzt, schwarzes, herbes, süßes Pflaumenmus. Eben will ich diese Neuigkeit meinem blökenden Nachbarn zubrüllen, den es vom Stuhl gehaun, ich brülle nicht, bringe nichts mehr heraus, japse. Mund, Nase, Ohren, alles verpappt mit triefend Schwarzem. Da, tralalabumm, klatscht neue Ladung an Kopf, jault mir ins Hemd, läuft kalt den Rücken herunter, einen großen Furunkel auf der Gesäßbacke umfließend, pladdert unten warm und stark verdünnt aus Hosenbeinen wieder heraus. Ich schlage blind um mich, röchelnd. Gerade ist mir, tralalabumm, tralalabumm, wieder Mus über Auge gelaufen, durch schwarze Schleier sehe ich Augen im Zackenkranz, weit aufgerissen. Sie stößt harte Rechte, Mikrophon umklammernd, in den Saal, ich falle vom Stuhl. Rapple mich wieder auf, reiße Mund auf, verpappten, bleibe stehen, vor Schrecken mich schüttelnd. Denn plötzlich weiß ich, daß alles Bisherige nur Vorspiel. Da vorn streicht im Scheinwerfericht Hand keusch lange Blondmähne zurück. Da bricht Lächeln durch Tränen, da öffnet jemand Trickkiste, der andere Koffer ist noch in Berlin. Da steht Mensch wie du und ich, patenter Kumpel, der seine Erfahrungen gemacht hat. Da röhrt Nicht-Stimme und würgt und würgt tonnenweise neues Pflaumenmus heraus, knallt es tralalabumm, tralalabumm herüber. Die Leute fressen aufkreischend klebend Schwarzes sofort in sich hinein. Die Stalinorgel mit der Blondmähne kommt jetzt erst richtig in Fahrt, tralalabumm, tralalabumm, tralalabumm, nahtlos schlagen Chansons ein. Die Trommelfelle registrieren nur noch Wummern, dumpfes, wenn neues Mus herunterklatschend mich zusammendrückt. Ich reiße Mund auf, hole Luft, hole Mus, hole Schwarzes in Auge, Ohr, Mund, Nase, Lunge, Magen, will schreien, spucken, leben, kann nicht, will aber, beiße auf die Muszunge, trete, schwimme mich frei. Die Birke mit dem Tapetenwechsel reißt mich hoch. Tapetenwechsel, ersehnter. Will raus. Im Mund Geschmack von Pflaumenmus, Blut, Schweiß und Tränen. Ich bin eingekeilt. Aus allen Lautsprechern heult es. Wir heulen mit. Auf allen Vieren kriechend drücke ich nach draußen, will nicht zusammengeschlagen werden vom tralalabumm. Umgehe Einschlagstellen, immer neue Chansons kommen tralalabumm herangeheult. Ich schreie, heule, gestikuliere Bravo, Rauslassen, Platz. Die sperrangelweit aufgerissenen Goldfischaugen verfolgen mich. Die Tür. Atemluft atmen. Draußen.

Egon war.

2. „Der geschenkte Gaul“ ist da. Ich will nicht, habe Knefen gesehen, weiß, wieviel Molden in Buch reingesteckt. Habe Angst. Das Buch zittert. Halte es in meinen blöden Fingern. Können keine Ruhe geben. Ich fange an, mich reinfressend, höre nicht auf. Warme Welle steigt in Magengrube hoch, verblüfft, erfreut. Da nimmt eine Wörter und schmeißt damit nach Gegenständen. Trifft sie meistens, auch wenn am Anfang etwas forsch. Hat den Tiefsinn absaufen lassen, dem Sentiment in den Hintern getreten. War’s so? So war’s, die Knef hat’s geschrieben. Da ist jemand ein patenter Kumpel, der seine Erfahrungen gemacht hat, und tut nicht nur so, als wäre er. Bevor ich überlege, wo Pflaumenmus geblieben, heule ich schon Rotz und Wasser, Knef-liebend. Sehe kaum noch was, sehe sie auf Umschlageinband, ohne aufgerissene Augen, schreckliche. Liege auf Knien und flehe sie an: „Keine Chansons mehr, keine Chansons mehr – Bücher!“

Sie hört es nicht.