Von René Drommert

Vor einigen Tagen in einem der Kunstgewerbekabinette der Leningrader Eremitage: Vor einer Vitrine, in der Schmuck aus prähistorischer Zeit, gut konserviert, blitzt und funkelt, gestikuliert eine Kustodin, die einen einzelnen Besucher führt. Sie beugt sich, erklärend, freundlich zu einem etwa fünfzigjährigen Mann in Zivil hinab, der nur halb so groß ist wie sie selber und dessen linke Brusthälfte übersät ist mit Kriegsauszeichnungen. Der Mann, der einmal normal groß war, bewegt sich auf einem mit Rollen versehenen Brett: Er hat keine Beine mehr, sie sind ihm kurz unter dem Rumpf wegamputiert worden. Der Krüppel (der sich würdig hält) und die äußerste zaristische Prachtentfaltung um ihn herum: eine Dissonanz, die den Beobachter so trifft, daß er leicht zu. schwanken beginnt.

Aus solch einer Dissonanz zwischen zwei Welten, die das Leben in vergangeren Zeiten mitbestimmte, wird auch verständlich, warum es zur Revolution dieses Jahrhunderts kommen mußte.

Ich, der ich als Bürger der Bundesrepublik Deutschland weitab von Leningrad lebe und keinerlei Recht (nicht einmal ein politisches) habe, dennoch: ich lade Sie ein, kommen Sie in die frühere russische Hauptstadt. Ich lade Sie ein, diese Stadt zu begreifen an den Ufern der Newa, dieses kurzen, kräftigen Flusses zwischen Ladogasee und Finnischem Meerbusen, spazierenzugehen, fröhlich zu sein mit der Fröhlichkeit ihrer Bürger, Musik zu hören, Tänze zu sehen, Lachs und Kaviar zu essen, russischen Wodka und grusinischen Wein zu trinken, in den gepflegten Restaurants zu sitzen oder müßiggängerisch zu flanieren. Aber ein paar Stunden in zwei Tagen zedieren Sie auch dem anderen Gesicht dieser Stadt, um dies zu begreifen: ein Volk, ein Land, ein Jahrhundert.

Diese Stadt trägt den Charakter ihrer „Initialzündung“, ihrer Gründung. Peter der Große, ein Eigenbrötler und Querkopf, ein Monomane und ein Wahnwitziger, ein Phantast und besessener Planer, ein Halsstarriger, der seinen Sohn hinrichten ließ und auf dem Moskauer Roten Platz Aufständischen eigenhändig die Köpfe absäbelte (und der an den Folgen einer Erkältung starb, die er sich zuzog, als er einen Matrosen vor dem Ertrinken rettete) – Peter der Große hat die Stadt in ein paar Jahren aus dem sumpfigen Boden gestampft: der garstigen Natur abgetrotzt. Aber janusköpfig ist diese Stadt, und schon vor ein paar Jahren meinte Alexander Solshenizyn: „Uns so fremd – und doch unser höchster Stolz–diese Prachtentfaltung. Wie herrlich ist es, durch diese Alleen zu schlendern! Doch andere Russen mußten die Zähne zusammenbeißen und fluchend in Nebel und Sumpf verkommen, um all diese Schönheit zu schaffen. Es ist erschütternd, sich zu überlegen, daß vielleicht einmal auch unser gestaltloses, elendes Dasein ... das Stöhnen der Hingerichteten und das Schluchzen ihrer Frauen völlig vergessen sein könnten. Wird auch daraus vollkommene, unsterbliche Schönheit erwachsen?“

Ich rate jedem, der nur irgendwie an Kunst interessiert ist, sich einen Vormittag lang in der Eremitage aufzuhalten, dem Museum, das neben dem Pariser Louvre auf diesem Gebiet das Bedeutendste ist, was Europa zu bieten hat. Sie können dort sogar einen Katalog in deutscher Sprache kaufen, er kostet nur 91 Kopeken. 91? Ja, alle Preise in der Sowjetunion, für Eis, für das Mittagessen, für den Omnibus, für einen Band Lyrik, basieren auf genauen Berechnungen. Psychologische Preisfestsetzungen, zum Beispiel „Warenhauspreise“ oder Bücher zu, sagen wir, 19,80 Mark gibt es dort nicht. Auf der Straße kauft man ein exzellentes Eis für 13 oder 19 oder 22 Kopeken. Gibt man ein Zwanzig-Kopeken-Stück und will auf die eine Kopeke, die man zurückbekommen soll, verzichten, es gelingt einem nicht leicht: Die Verkäuferin, akkurat wie sie nun einmal ist, drängt einem die Kopeke zumeist kategorisch auf.

Wollten Sie alle ausgestellten Objekte der Eremitage sehen, jedem nur zwei armselige Minuten widmen, jeden Tag acht Stunden in der Sammlung bleiben, auf Sonntage, Feiertage und Urlaub verzichten: Sie müßten über 26 Jahre in der Eremitage bleiben. Es handelt sich um 2 300 000 ausgestellte Stücke, um 14 000 Gemälde, 12 000 Plastiken, 600 000 graphische Werke (die größte Sammlung mindestens Europas) und über eine Million Gegenstände der Numismatik.