Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Oktober

Der Auftakt des ersten Treffens der vier für Berlin verantwortlichen Botschafter nach der Sommerpause versprach nicht eben viel. Der Prawda-Kommentator Schukow und der Bonner Sowjetbotschafter Zarapkin hatten – unterstützt von den Zeitungen und Sendern des Ostblocks – einen kleinen Nervenkrieg entfacht. Botschafter Abrassimow überreichte Tage vor dem Treffen am 30. September ein Papier, dessen dürftiger Inhalt weder neu noch konziliant war. Und in der Nacht vor dem Gespräch verlangten die sowjetischen Vertreter in der Flugsicherheitszentrale des Alliierten Kontrollrats – vergeblich – die zeitweilige Sperrung der beiden nördlichen Luftkorridore. Gleichzeitig demonstrierte die DDR an den Autobahnen wieder einmal, wie mißlich es ist, wenn die Wartezeit der Berlin-Reisenden vom Arbeitseifer sozialistischer Kontrolleure abhängt.

Manches am Verhalten der östlichen Seite mag als Taktik zu erklären sein. Aber ist es wirklich die Taktik eines Verhandlungspartners, der grundsätzlich zum Ausgleich bereit ist? Zunächst bleibt als positives Ergebnis der letzten Woche nur, daß ein sowjetisches Papier übergeben wurde und daß die Botschafter nicht an ihrer ursprünglich verkündeten Absicht festhielten, sich erst Ende des Monats wieder zu treffen. Beim Essen verabredeten sie sich schon für Freitag dieser Woche wieder. Eine raschere Folge der Verhandlungstermine und eine Einigung auf Sachverständigenkommissionen wären ein Indiz dafür, daß wirklich gearbeitet wird und alle Seiten an einem Ergebnis interessiert sind.

Trotz aller Skepsis ist es indes nicht abwegig, auf ein sinnvolles .Ergebnis der Botschaftergespräche zu hoffen. Die Sowjetunion kannte die Bonner Vorbehalte. Dennoch investierte sie so viel Zeit und Mühe in den Gewaltverzichtsvertrag, daß zu vermuten ist, es liege ihr auch etwas an dessen Ratifizierung. Der Besuch von Bundeswirtschaftsminister Schiller hat der Sowjetregierung zwar die Erkenntnis vermittelt, daß der Vertrag nicht durch Bonner Staatskredite und Zinssubventionen honoriert werden kann, aber es bleibt ihr Interesse an einer Erweiterung des Warenaustausches, an technischer und wissenschaftlichen Zusammenarbeit, an einer Festschreibung des Status quo in Europa und an einer Europäischen Sicherheitskonferenz.

Ob ihr all dies so viel bedeutet, daß sie bereit ist, die Achillesferse des Westens fürderhin zu schonen, das wird in den nächsten Wochen und Monaten erkennbar werden. In einem hat ja Herbert Wehner recht: Niemand kann erwarten, daß die politischen Probleme gelöst und die rechtlichen Standpunkte einander angenähert werden, über die sich die vier Mächte seit 25 Jahren zerstritten haben. Realistische Politik kann nur versuchen, die Folgen dieses globalen Zerwürfnisses für die Betroffenen zu mildern.

Die Hoffnungen der Bundesregierung sind dabei sogar etwas praxisbezogener als die der Westmächte. Bonn und Berlin kommt es auf die Anerkennung der wirtschaftlichen, finanziellen und rechtlichen Zugehörigkeit West-Berlins zur Bundesrepublik an, auf einen garantierten und unkomplizierten Zugang nach West-Berlin und auf Besuchsmöglichkeiten für West-Berliner in Ost-Berlin und in der DDR. Washington, London und Paris geht es offensichtlich auch noch darum, daß die Sowjets die Gültigkeit des Viermächtestatus für ganz Berlin anerkennen.