Von Bernd Nielsen-Stokkeby

Ulrich Schiller: „Zwischen Moskau und Jakutsk. Die Sowjetunion im Wettlauf gegen die Zeit“; Christian Wegner Verlag, Hamburg 1970; ca. 224 S., 22,– DM

Es sind gezielte Schlaglichter auf ein riesiges, uns immer noch rätselhaftes Land, auf seine oft leidenden, meist widerspruchsvollen, vorwiegend konformistischen und selten protestierenden Menschen. Besonders auf letztere – warum? Nicht Vorurteile und Antikommunismus führten die gewissenhafte Feder des ehemaligen Rundfunk- und ZEIT-Korrespondenten in Moskau, sondern die Suche nach dem der sowjetischen Gesellschaft innewohnenden Trend. Wohl auch die Hoffnung, daß der Wettlauf gegen die Zeit, den die Partei Breschnjews eigentlich schon verloren hat, von der Mehrzahl der Sowjetmenschen vielleicht doch noch gewonnen werden könnte, die Hoffnung, daß der Mensch nicht stagniert, daß er nicht in den Fesseln einer überholten Doktrin erstarren kann, sondern sich allen Widerständen zum Trotz weiterentwickelt.

Ist dies denn nicht auch eine kommunistische Hoffnung? Gewiß, doch unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ist es besonders schwer, sie zu realisieren. Wer diese Hoffnung im Herzen trägt, wer daran glaubt, daß mehr Freiheit der Forschung, mehr Wahrheit, mehr Information, mehr Diskussion dem sowjetischen System nur guttäten, ist in den Augen der Dogmatiker ein Revisionist. Somit sind auch Computer ihrem Wesen nach Revisionisten!

Studenten in Kiew haben behauptet, die Kybernetik wäre imstande, das sowjetische Gesellschaftssystem von innen heraus umzuwandeln. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, warum sich Stalin beharrlich weigerte, dem Klassenfeind Kybernetik die Tore zu öffnen.

Kaum irgendwo in der Sowjetunion gehen die Uhren der Ideologie langsamer als in Akademgorodok, der „Denkzentrale in Sibirien“, wie Schiller diese aus der Retorte gezauberte Stadt der Wissenschaftler nennt. Was einst hier unter der Ägide von Chruschtschow geschaffen wurde, kann sich unter den Aspekten der heutigen sowjetischen Regierung als schwerer Fehler erweisen, aus der Sicht reiferer Erkenntnisse jedoch als geniale Vorausplanung.

Der Autor bemüht dazu das Bild eines Radfahrers: Die sowjetische Regierung, die im wissenschaftlich-technologischen Wettlauf der Systeme voranzukommen trachtet, muß trampeln, wenn sie nicht umfallen will. In allen Bereichen und auf allen Sprossen der Hierarchie stehen sich nun „Trampler“ und „Bremser“ gegenüber. In Akademgorodok gibt es fast nur „Trampler“, in Moskau hingegen wurde, so Schiller, im Laufe der letzten Jahre das Tempo der Reise immer mehr von „Bremsern“ bestimmt.