Viren auf Abwegen – Masernerreger werden tückisch

Treffender als die englische Zeitschrift „New Scientist“ kann man die Situation kaum charakterisieren: Die Molekularbiologie hat eine Bombe in ihrem Keller entdeckt. Schuld an dieser makabren Sachlage ist unter anderem ein unfreundliches Etwas mit dem freundlichen Namen „Scrapie“, das bislang nur Schafzüchter und Veterinärmediziner zu interessieren schien, jetzt aber auch die Molekularbiologen mehr und mehr fasziniert und – in arge Verlegenheit bringt. Denn Scrapie – das zeigt sich immer deutlicher – ist so ziemlich das Kurioseste, was die Molekularbiologie derzeit zu bieten hat.

Zunächst schien alles ganz unproblematisch. Scrapie ist eine schon lange bekannte chronisch degenerative Erkrankung des Zentralnervensystems bei Schafen. Sie äußert sich in starker Erregung der erkrankten Tiere, heftigem Zittern, eigenartigen Koordinationsschwierigkeiten beim Gehen und Sehen und drastischem Gewichtsverlust. Die Krankheit zieht sich gewöhnlich über Monate hin und führt so gut wie immer zum Tod. Anatomischer Befund: weitgehende Degeneration der Nervenzellen.

Erst als sich die Virologen der ominösen Schafkrankheit intensiver annahmen, begann die Sache interessant und – dubios zu werden.

In der Tat sprach zunächst vieles dafür, daß, wie vermutet, ein Virus für die Entstehung der Krankheit verantwortlich ist. So gelang es, mit Hilfe von Hirnextrakten befallener Tiere andere Schafe zu infizieren; ja, man konnte, zur Freude der Wissenschaftler, Scrapie sogar auf Ratten, Mäuse, Hamster und Gänse übertragen und dort, zur Vermehrung bringen. Erstaunlich und überraschend war allerdings der unerwartete Befund, daß die Inkubationszeit, die Zeit von der Infektion bis zum Auftreten erster Symptome, bei Scrapie ungewöhnlich lange ist, länger als bei üblichen Virusinfektionen, nämlich ganze zwei bis vier Jahre.

Doch dies war noch kein Argument gegen die Annahme, daß Scrapie tatsächlich eine Viruskrankheit darstellt. Kennt man doch in der Veterinärmedizin und neuerdings sogar in der Humanmedizin einige rätselhafte Viruserkrankungen, die mit großer Wahrscheinlichkeit von sogenannten slow viruses verursacht werden und sich dadurch auszeichnen, daß ein Krankheitsbild erst Jahre, in einigen Fällen sogar erst Jahrzehnte nach der Infektion auftritt. Dennoch: ist die Frage der Slow-virus-Erkrankung schon diffizil und noch weitgehend ungeklärt, so ist das Scrapie-Problem geeignet, die Molekularbiologen gänzlich konfus zu machen.

Geradezu unheimlich sind nämlich neuere Beobachtungen der Virologen, die ganz und gar nicht in das vertraute und mittlerweile schon fast klassische Konzept von der Natur und Funktion eines Virus passen.