Ich weiß, das ist nun schon sehr lange her, zu lange, um darüber noch Worte zu verlieren. Und doch, indem ich das alles vergesse, absacken lasse, indem ich mich schüttele wie ein Pudel, alles abzustreifen, wegzuwerfen versuche, was Buchmesse hieß, steigen Erinnerungen auf. Bilder, Gesichter, Gestalten, Menschen kehren zurück, manchmal des Morgens, jetzt beim Aufwachen, beim Rasieren. Komisch, lauter Autorengesichter, die ich da sehe; immer Schriftsteller, die zurückkommen, die mir nicht aus dem Kopf wollen. Was aber bleibet, sind eben doch die Dichter.

Heinrich Böll zum Beispiel: Ich muß jetzt oft an ihn denken. Ganz überraschend, durchaus unerwartet für mich, traf ich ihn in den Messetagen in einer Frankfurter Wohnung bei einem kleinen Empfang, sagt man nicht so?

Ich hatte Böll seit gut fünf Jahren nicht mehr gesehen, und als erstes fiel mir auf, wie erschöpft, wie gealtert er wirkte. Dabei so bescheiden, unverändert natürlich, so vollkommen einfach, unbeschädigt durch allen Ruhm.

Wenn Böll in eine Wohnung eintritt, so könnte man noch heute meinen, der Gasmann, ein Handwerker zum Reparieren der Wasserleitungen sei endlich eingetroffen, so durchaus volkstümlich wirkt er.

Doch täuscht das natürlich. An seiner melancholisch-bösen Unangepaßtheit, an seiner rabiaten Aufsässigkeit hat sich nichts geändert.

Noch nie schien mir Böll so sehr aus Köln zu kommen. Alles an ihm wirkte rheinisch: gutmütig, mürbe, sehr alt und auf eine komische Weise katholisch. Es war mir, als wenn sich sein Clown, der aus seinem Roman, nun immer mehr in sein Gesicht einschliche: so viel Traurigkeit, so viel Komödiantentum, so viel schwermütige Heiterkeit, etwas Schalksgeist im Gesicht.

Krankheiten haben sein Gesicht nicht verändert, aber mürber, faltiger, tiefer gemacht. Hier hat sich einer früh und über die Maßen verbraucht und erschöpft, dachte ich. Man wird auf ihn aufpassen müssen.