Von Heinz Mack

Möglicherweise hat die bildende Kunst keine rationale Bedeutung, auch wenn Wirtschaftsexperten sie analysieren und bilanzieren.

Daß die Existenz der Künstler von unserer materialistischen Gesellschaft überhaupt noch wahrgenommen wird, ist insofern ein Phänomen, als die Künstler als soziologische Gruppe eine verschwindend kleine Minderheit sind, deren Produktion ebenso verschwindend klein ist. Dennoch erachtet „das deutsche Wirtschaftsmagazin“ Capital den internationalen Kunstmarkt einer systematischen Untersuchung für wert, um die Orientierung zu erleichtern. Ob der Künstler es will oder nicht: Die Kunst hat auch einen merkantilen Aspekt. Daß der Ruhm des Künstlers und die Höhe seines Bankkontos nicht unbedingt sich ergänzen, dies nachzuweisen war unnötig, da weithin bekannt, zumindest unter den Künstlern. Dennoch wird die Legende vom reichen und armen Künstler nicht sterben; das heißt, die reichen sind nicht so reich, die armen nicht so arm, wie die Klischeevorstellungen des bürgerlichen Denkens dies wünschen.

Das Interesse gilt der Kunst der Gegenwart. Eintausend Künstler waren Ruhm- und Capital-verdächtig, hundert Künstler genügten schließlich den Bedingungen eines kritischen Punktsystems; sie werden – alphabetisch geordnet – dem Leser präsentiert: die hundert Großen! Angegeben wird die Nationalität des Künstlers, seine Stilzugehörigkeit, der Durchschnittspreis für ein Werk im durchschnittlichen Format, die Anzahl der Punkte, die er erreicht hat und der daraus folgende „Rang“ seiner Bedeutung unter den genannten neunundneunzig Kollegen, sowie eine besondere Preis-Punkte-Relation, die aussagen soll, wie der Kunstmarkt die Arbeit eines Künstlers bewertet.

Erklärte Absicht des hiermit erstmalig erscheinenden „Kunst-Kompasses“ ist es, „ein Höchstmaß an Objektivität in der Beurteilung dessen zu sichern, was zur Bewertung der Kunst der sechziger Jahre beiträgt“.

Welche. Kriterien des mit wissenschaftlichem Anspruch entwickelten Systems sind gesucht und gefunden worden? Nun, Kriterien sehe ich keine. Was bleibt, sind Meinungen. Befragt wurden Experten. Aber wer ist Experte? Der Museumsdirektor, der über die Kunst im 12. Jahrhundert promoviert hat? Der Ausstellungsmanager, der eine wichtige Ausstellung realisierte, sanktioniert von einer Experten-Jury? Der Kunsthändler? Der Autor eines Buches über moderne Kunst?

Sie alle wurden befragt. Nicht gefragt wurden die Künstler selber, auch nicht deren tagtägliche Kritiker.