Von Heimer Hansen

Ernst Deuerlein: „Hitler. Eine politische Biographie“; List Verlag, München 1969; List Taschenbücher 349, 178 Seiten, 2,80 DM

Hitler ist oft mit den Attributen des Teuflischen beschrieben worden, am eindringlichsten wohl in Michael Freunds „Deutscher Geschichte“, wo er als Dämon, als Reinkarnation des Teufels, ja, als Antichrist, als außergeschichtliche Gestalt erscheint. Für Freund folgt aus dieser – im Grunde ahistorischen und irrationalen – Geschichtsmetaphysik die paradoxe Auffassung, daß der Historiker es nicht wagen könne, Hitler und das Dritte Reich in den Zusammenhang der deutschen Geschichte einzuordnen. Andere Historiker – allen voran der alte Friedrich Meinecke – haben Hitler und den Nationalsozialismus als eine historische, aus deutschen und europäischen „Entwicklungskräften abzuleitende Erscheinung“ begriffen.

Auch Ernst Deuerlein führt „Hitlers Ermöglichung“ und das Dritte Reich auf historische Ursachen zurück: „Lange anhaltende Entwicklungen der deutschen Geschichte“ seien während und nach dem Ersten Weltkrieg aktualisiert worden. Durch sie sei eine massenpsychologische Situation entstanden, die den Aufstieg Hitlers nicht nur zugelassen, sondern hervorgerufen habe. Zeitbedingte Umstände allein hätten nicht ausgereicht, um eine Atmosphäre zu schaffen, „in der Hitler nicht nur als Verwandter unbefriedigender Verhältnisse, sondern als Retter aus einer übersteigerten Existenzangst erschien“.

Deuerlein nennt folgende vier historischen Momente: 1. das extrovertierte Selbstbewußtsein des zweiten deutschen Kaiserreiches, 2. die introvertierte politische Unmündigkeit seiner Bürger, 3. den ungelösten Widerspruch zwischen dem überkommenen militärisch gedachten und verwirklichten Obrigkeitsstaat und der sich entwickelnden Industriegesellschaft und 4. die Organisation der antisemitischen Bewegung.

Abgesehen von diesen Ausführungen, bleibt Deuerleins Hitler-Biographie jedoch im wesentlichen auf die Darstellung der äußeren Entwicklung Hitlers beschränkt. Er bezieht zwar gelegentlich genetische, medizinische und psychische Aspekte in die Beurteilung mit ein, läßt aber die weltanschaulich-politische Entwicklung Hitlers weitgehend außer acht. Wie jedoch neuere Untersuchungen von Andreas Hillgruber, Hans-Adolf Jacobsen und Eberhard Jäckel gezeigt haben, kann das historisch-politische Verständnis der äußeren Vita Hitlers erst von daher voll erschlossen werden.

Hitlers innere und äußere Entwicklung, sein Denken und Handeln, seine Weltanschauung und seine praktische Politik sind so unmittelbar aufeinander bezogen, daß sie nur im Zusammenhang begriffen und beurteilt werden können. InDeuerleins Buch, das – laut Untertitel – eine „politische Biographie“ sein will, fehlt die entwickelnde Darstellung von Hitlers außenpolitischem Programm, seines radikalen Antisemitismus und seiner – vom Sozialdarwinismus inspirierten – Weltanschauung. Dieser Mangel ist schlechthin entscheidend für die Beurteilung der gesamten Darstellung Deuerleins. Einige Einblicke in seine Hitler-Biographie mögen dies verdeutlichen.