Die größten Fische werden mit dem Mund gefangen. (Polnisches Sprichwort)

Nicht alle Langhaarigen sind dem Rauschgift verfallen, tröstet uns Eduard Zimmermann – dafür ist er selber von Allergie befallen: Er reagiert auf alle Kritik mit Ausschlag. Unter dem Titel Aktenzeichen XY... ungelöst hat das Zweite DeutscheFernsehen zwischen Oktober 1967 und September 1970 neunundzwanzig von Eduard Zimmermann inszenierte Fernsehfilmdungen durchgeführt. Obwohl in der Bundesrepublik jährlich mehr als zwei Millionen Straftaten verübt werden, greift die "XY"-Sendung in demselben Zeitraum nicht mehr als siebzig Fälle auf, von denen höchstens die Hälfte gelöst wird. Die gestellte Aufgabe, mit Hilfe der Bevölkerung die Kriminalität einzudämmen, galt von vornherein als unlösbar. Es kann dem ZDF also nur an der Spannung, an der Unterhaltung auf Kosten gesuchter Straftäter gelegen haben.

Die Fernsehfahndung hat dem ZDF die höchste Sehbeteiligung eingetragen und aus Eduard Zimmermann einen wohlhabenden Mann gemacht. Hand in Hand mit seinem Programmdirektor Joseph Viehöver und dessen Intendanten, Karl Holzamer, versucht Eduard Zimmermann, jede Kritik im Keim zu ersticken. Die Anstrengung, mit der sie Druck ausüben, resultiert beim Regisseur aus der Angst um seine Existenzgrundlage, bei seinen Vorgesetzten ist sie als Reaktion auf die üblen Begleiterscheinungen der Sendung zu verstehen. Die zwanzig Millionen Zuschauer, mit denen das "XY"-Team sich zu rehabilitieren versucht, sind als Argument unbrauchbar. Wir haben in Deutschland schon geschlossen hinter diesem und jenem Harlekin gestanden.

Achtundzwanzigmal hat Quizmaster Eduard Zimmermann uns ein Lotto-Spiel angeboten, bei dem kein Treffer unter tausend Mark einbringt, bis er die letzte, die Septembersendung um eine neue Form bereicherte: den faschistischen Lehrfilm.

Bisher hatten die "spannenden Kurzkrimis" (E. Z.) die Fahndung nach bestimmten Personen illustriert. Ein rekonstruiertes Verbrechen wurde von Schauspielern, auf die Steckbriefe der Gesuchten getrimmt, noch einmal durchgespielt. Abgesehen davon, daß den Zuschauern sich das Gesicht des agierenden Schauspielers tiefer einprägt als das kurz gezeigte PIK-Bild, war der "Lehrfilm über Rauschgiftgenuß und Leichenfledderei" keiner namentlichen Fahndung gewidmet. Zwei Rauschgifthändler, die in derselben Sendung gesucht wurden, spielten in dem Film keine Rolle. Das Verdammungsurteil traf eine Randgruppe, stempelte eine Minderheit zur Bande.

Namenlos, aber detailliert gekennzeichnet: lange Haare, krummer Rücken, Felljacke, verqualmten Unterschlupf, spielten uns die "XY"-Schauspieler eine Gruppe Hasch rauchender, Drogen handelnder Jugendlicher vor. Nachdem sie ihren Freund, der einer Überdosis Rauschgift erlegen ist, tot auffinden, rufen sie weder den Arzt noch sofort die Polizei, sondern ziehen ihn aus und bestehlen ihn.

Weinend beschwört die Mutter des Verunglückten das ehemals gute Verhältnis zu ihrem Sohn. Ihre Attrappe im Film sieht man allerdings auf den Jungen einschlagen, als er eines Nachts fast bewußtlos nach Hause kam. Für den Tod ihres Sohnes, der früher als Schuhverkäufer dienernd Trinkgelder entgegennahm, hat die alleinstehende und schwer arbeitende Frau nur eine Erklärung: Umgang mit schlechten Freunden. Unfähig, die Situation der Frau, zu analysieren, baut Eduard Zimmermann das Interview ins ZDF-Programm ein. Selten sind Unterdrückte so zynisch gegen Unterdrückte ausgespielt worden.