Washington, im Oktober

Von Richard Nixon, dem Dirigenten einer Weltmacht, entfernte sich der um die parlamentarische Mehrheit kämpfende Stratege der Heimatfront auf seiner neuntägigen Europa-Reise manchesmal. Das Bad in der Menge, das ihm in Rom und Madrid bereitet wurde, erfrischte den Präsidenten sichtlich. Die da Rubelten, sah er sogleich als Freunde. Zu Hause ist der Jubel rar geworden. Und noch vor dem Rückflug hatte ihn die Innenpolitik wieder eingeholt.

Die vom Fernsehen Tag um Tag vermittelten Bilder eines in Rom oder Madrid beliebten und geehrten US-Präsidenten befriedigten das Bedürfnis der Amerikaner nach Selbstbestätigung nur für kurze Augenblicke. Dann drückten sie wieder die eigenen Probleme. Und die sind bleischwer.

Kaum je hat eine Reise in die Alte Welt einem Präsidenten im eigenen Land etwas genützt. Kennedy mochte es gelingen, die Italiener und die Iren fester an sich zu binden, indem er die Heimat ihrer Vorväter durchreiste. Für Nixon ist der wahlpolitische Ertrag dieser Tour weit geringer zu veranschlagen. Wenn Minoritäten in den Vereinigten Staaten heute im Begriff sind, von den Demokraten, denen sie seit Roosevelt scheinbar unverbrüchlich anhingen, ins Lager der Republikaner zu desertieren, dann nicht wegen eines Urahnen von Nixon aus dem irischen Städtchen Timahoe, sondern nur, weil sie darauf hoffen, daß sie dieser Mann von dem immer mächtiger werdenden Gefühl der Unsicherheit über die Zukunft Amerikas irgendwie erlöst.

Nixons Wähler und jene anderen, die er gewinnen muß, um am 3. November die demokratische Vormachtstellung im Senat und im Repräsentantenhaus durch eine republikanische abzulösen, wollen seine leadership zuerst in den eigenen vier Wänden bewiesen sehen. Römische Jubelstürme für Nixon sind ihnen sehr viel weniger wichtig als die Inflation und der bresthafte Anblick des Dow-Jones-Index, in dem sich der Aktienmarkt seit Jahr und Tag in chronischer Lustlosigkeit ausdrückt.

Kaum nach Washington zurückgekehrt, hat Nixon eine Serie von Gesprächen mit den ihm wichtigen Parlamentariern anberaumt, um eine neue Initiative bei den Pariser Friedesisgesprächen abzusichern und den Wählern den Eindruck zu vermitteln, daß er durch den Vorschlag eines nicht an Bedingungen geknüpften Waffenstillstands den toten Punkt zu überwinden entschlossen ist. Eine Wende erwartet man in Washington von diesem Angebot nicht. Der Idee einer Koalitionsregierung in Saigon unter Einschluß der Kommunisten ist Nixon nach wie vor abgeneigt. Sein Handlungsbevollmächtigter David Bruce wird mit der Initiative keine neuen Karten geliefert bekommen, sondern nur ein neues Deckblatt.

Richard Nixon war ausgezogen, die Russen ein wenig das Fürchten zu lehren. Ein wenig – denn die Drohung mit einer Intervention im Nahen Osten, bei einem Informationsgespräch vor drei Wochen in Chikago noch ziemlich ernst gemeint, wurde wenig später mit Bedacht relativiert. Vor den wacker-patriotisch gestimmten Fratres des amerikanischen Kollegiums in Rom bewegte er zwar noch rednerisch die Geschütztürme der sechsten Flotte. Nassers Tod bestimmte ihn jedoch, eine auf Donnerhall bestimmte Ansprache erheblich abzumildern.