Von Kurt Becker

Schon des längeren läuft Erich Mende Gefahr, dem Bild immer ähnlicher zu werden, daß die rapide anschwellende Zahl seiner Gegner und Verächter von ihm entworfen hat: ein Anpasser und Umfaller, ein Mann der hohlen Suada, Tatsächlich vom Ehrgeiz des bloßen Karrieristen. Tatsächlich ließe sich das Leitmotiv des amerikanischen Automobil-Giganten General Motors, leicht abgewandelt, auf ihn übertragen: What is good for Erich Mende is good for the nation. Aber er hat sein Konto überzogen: Auf der Strecke blieben Ansehen und Glaubwürdigkeit, verläßliche Freunde und die Erinnerung an einen Mann, der heute nur noch ein zerquetschtes Spiegelbild dessen ist, was er – trotz mancherlei Vorbehalts – einmal für die Freien Demokraten bedeutet und zur Politik der fünfziger und sechziger Jahre beigetragen hat.

Mit Keulen schlagen heute jene auf ihn ein, die wegen seiner Abtrünnigkeit die dunklen Wolken einer Existenzkrise der sozialliberalen Koalition heraufziehen sehen. Wäre nicht zugleich die Parlamentsmehrheit des Kabinetts Brandt-Scheel auf sechs Stimmen zusammengeschmolzen, hätte es wahrscheinlich mit einigen geringschätzigen Bemerkungen sein Bewenden gehabt. Doch so wirkte sein Übertritt zur CDU zugleich als Menetekel, als Symptom für den unaufhaltsamen Verfall der Freien Demokraten: nicht gerade ein Fanal, aber immerhin ein unübersehbares Zeichen. Die Frage nach seinem künftigen Schicksal dagegen regt die Phantasie kaum noch an. Warum sollte es ihm anders ergehen als früheren Führern kleiner und vom Todeskampf gezeichneter Parteien, die gleichfalls ihr Heil in der CDU gesucht haben – Hellwege von der Deutschen Partei, Kraft und Oberländer von der Vertriebenenpartei? Sie glichen bald darauf versprengten Offizieren ohne Soldaten.

Mag man nun ohne Zaudern den Stab über Erich Mende brechen oder eher bekümmert sehen, wie profan die Karriere eines Mannes enden kann, der immerhin acht Jahre Vorsitzender der Freien Demokraten war, drei Jahre als Vizekanzler und Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen zwei Kabinetten Ludwig Erhards angehörte und eine unverwechselbare Rolle bei der Liquidierung der Ära Adenauer spielte – wer die letzten zwanzig Jahre Revue passieren läßt, muß einige Meriten Mendes gelten lassen.

Als Fraktionsvorsitzender der Freien Demokraten (1957 bis 1963) und auch später noch war Mende neben Thomas Dehler einer der vehementesten Befürworter einer aktiven Ostpolitik. Was er in jener Zeit an Vorstellungen über eine Entspannung in Mitteleuropa zur öffentlichen Diskussion beitrug, ist zum Teil von der Entwicklung überholt worden. Doch es war der gleiche Denkansatz, der über ein Jahrzehnt später zur Ostpolitik führte.

Mende war einer der ersten Politiker rechts von der SPD, die öffentlich gegen die Hallstein-Doktrin zu Felde zogen. Seine Anregungen für eine praktikablere Deutschlandpolitik waren damals verpönt, aber nicht einmal die Große Koalition, erst die sozialliberale Koalition hat diese lange zurückliegenden Versuche Mendes zur Überwindung des Bonner Immobilismus überrundet. Noch im April 1966 hatte der damalige Vizekanzler die wütenden Angriffe der CDU und CSU und die schroffe Kritik selbst der SPD auf sich gezogen, als er, was heute schon fast verstaubt wirkt, paritätisch besetzte Kommissionen aus beiden Teilen Deutschlands forderte, die unter der Zuständigkeit der vier Siegermächte gesamtdeutsche humanitäre, wirtschaftliche und politische Probleme lösen sollten.

Er verdammte den ins Kraut geschossenen juristischen Hokuspokus in der Deutschlandpolitik, setzte sich für Teilabrüstungen in Mitteleuropa ein und befürwortete die nukleare Abstinenz der Bundesrepublik. Der damalige Außenminister Gerhard Schröder konnte bei seinen ersten behutsamen Bemühungen um eine politische Präsenz in Osteuropa eher auf die von Mende geführte FDP setzen als auf seine eigene Partei. Zur außenpolitischen Neuorientierung jedenfalls hat Mende früher und mehr beigetragen, als viele von jenen Nachzüglern, die ihm heute eine schwarzweißrote Bauchbinde umlegen wollen.