Von Zbigniew Brzezinski

Seit 1945 steht Europa praktisch abseits von der Weltpolitik. Wirtschaftlich und gesellschaftlich ist sein Niedergang zwar aufgehalten und in mancher Hinsicht sogar in einen Aufschwung verkehrt worden. Aber die grundlegende politische Wirklichkeit der Gegenwart unterscheidet sich noch immer nicht fundamental von der Wirklichkeit jener Zeit vor einem Vierteljahrhundert, da Europas Städte in Schutt und Asche lagen. Der sozialen und wirtschaftlichen Restauration ist keine politische Wiedergeburt gefolgt. Noch hat sich Europa nicht entschieden, ob es wieder eine Weltrolle spielen oder lieber ein größeres Schweden oder Finnland sein möchte.

Die Stabilität der europäischen Teilung täuscht. Wohl scheinen die sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei und die fortdauernde Abhängigkeit Westeuropas von der militärischen Macht Amerikas sie zu bekräftigen. Drei grundlegende Überlegungen deuten jedoch das Gegenteil an:

1. Den Europäern mißfällt die Teilung. Hinzu kommt, daß die latente Labilität in verschiedenen europäischen Ländern virulent werden und eine Epidemie politischen Wandels auslösen könnte.

2. Die Teilung Europas beruht letztlich auf der Stabilität der beiden Mächte, die sich in den Kontinent teilen. Diese Stabilität ist jedoch keine Selbstverständlichkeit, weder im Verhältnis der beiden Mächte zueinander noch in ihrer inneren Entwicklung.

3. Es gibt keine grundlegende ideologische Übereinstimmung. Daher fühlen sich beide Konkurrenten veranlaßt, die Legitimität der bestehenden europäischen Regelungen in Frage zu stellen.

Obwohl die Europäer sich uneins darüber sind, mit welchen Mitteln hier Abhilfe zu schaffen ist, verbindet sie doch der Widerwille gegen ihre Abhängigkeit. Unterdessen ist sich Amerika über seine Aufgaben in der Welt nicht mehr im klaren. Die Sowjetunion jedoch, die noch nicht wirklich eine globale Macht ist, strebt just in dem Augenblick zur Weltgeltung, da Amerika immer größere Zweifel daran hegt, ob es sich überhaupt lohnt, einzige Globalmacht zu sein. In den Augen der Europäer scheint eines festzustehen: Amerika ist eine weniger zuverlässige Schutzmacht, ein weniger engagierter Partner.