Von Wolf Donner

Ein müdes Festival, sagten viele und vergaßen dabei, daß ein Festival immer so ist wie seine Filme, daß sie aber indirekt und vielleicht ungewollt für mehr Krach, Skandale und Sensationen plädieren, so als sei ein Festival nicht mehr müde, wenn das Geschehen rundum aufregender ist als das auf der Leinwand.

Gegenüber den Mißmutigen und Skeptikern bleibt zweierlei festzuhalten:

1. Mit ihrer Offenheit gegenüber allen Formen, nämlich kurzen und langen, Dokumentär-, Experimental- und Spielfilmen, aber auch den Acht-, Sechzehn- und Fünfunddreißig-Millimeter-Formaten, ist die „Internationale Filmwoche Mannheim“ das wichtigste und vielseitigste Filmfestival mindestens im deutschsprachigen Raum. Die Nachricht, das Innenministerium wolle ab 1971 den ohnehin minimalen Zuschuß von 35 000 Mark (wie auch den für die Oberhausener Kurzfilmtage) streichen, klingt geradezu absurd.

2. Desinteresse und allgemeine Lethargie bei Strukturdiskussionen in Mannheim zeigten deutlich, daß an diesem Reglement kaum noch Reformen und Demokratisierungen möglich sind. Auswahlkommission und Preisjury, beide international besetzt, werden von allen in Mannheim Anwesenden jeweils für das nächste Jahr nominiert und dann schriftlich gewählt. Der Auswahl, die dieses Jahr zehn Tage lang dauerte, kann jeder beiwohnen; die Arbeit der Jury wird durch Sitzungsprotokolle transparent gemacht. 1971 wird eine Art Nachlesekommission der Filmmacher als Korrektur der Auswahlentscheidungen ein zusätzliches Programm aus der Informationsschau der Jury zur Beurteilung empfehlen.

Zu kritisieren bleiben in diesem Jahr die katastrophalen technischen Vorführbedingungen, der ärgerliche, weil ständig sich überschneidende Terminplan und ein mit zu viel Überflüssigem aufgeblähter Wettbewerb, dem gegenüber eine Auseinandersetzung über einzelne Filme zu kurz kam.

Nirgends kann man so umfassend die neuen Trends der deutschen Filmavantgarde kennenlernen wie in Mannheim. Die Tendenz dieses Jahres: Abschied vom politischen Grau-in-grau-Untergrund. Man dreht wieder Spielfilme, am liebsten in Farbe und fünfunddreißig Millimeter und sehr lang. Sieben Debüts allein im Wettbewerb, fast so etwas wie eine Wachablösung des müde gewordenen „Jungen Deutschen Films“.