Am Rentenmarkt herrscht eine „Grapsch-Situation“. Jeder nimmt, was er bekommen kann, ohne auf die Kosten zu sehen. Die Bundespost offerierte Schuldscheine zum Nominalzins von 8 3/4 Prozent, ihre Rendite stellt sich auf 9,18 Prozent. Andere öffentliche Stellen zahlen ähnliche Sätze. Es gibt Landesbanken, die 8 1/2 prozentige Kommunal-Obligationen zum Kurs von 99 Prozent anbieten, während gleichzeitig Landesanleihen mit dem gleichen Nominalzinssatz und einem Ausgabekurs von 100 Prozent zum Verkauf stehen. Es ist ganz eindeutig: Der 8 1/2prozentige Anleihetyp ist bei einem Ausgabekurs von 100 Prozent zur Zeit nicht mehr marktgerecht.

Kein Wunder, wenn die Rentenkurse einmal mehr ins Wanken geraten sind. Da eine Kapitalmarkt-Abstinenz von der öffentlichen Hand in nächster Zeit nicht erwartet werden kann und sich bei der Industrie ein gewisser Zinsfatalismus („wir zahlen unsere Schulden ja doch mit entwertetem Geld zurück“) breitmacht, ist mit einer Zinswende in der Bundesrepublik nur dann zu rechnen, wenn im Ausland der Kapitalzins unter die deutschen Sätze sinken sollte. Danach sieht es jedoch vorerst noch nicht aus. Der langfristige Kapitalzins ist bei uns teilweise noch niedriger als im Ausland.

Gewisse Hoffnungen setzt die Börse auf eine Diskontsenkung, falls der Trend zur Konjunkturabflachung deutlicher werden sollte. Die Bundesbank scheint indessen wenig Neigung zu spüren, schon jetzt ihre Restriktionen zu lockern. Sie weiß, daß ein solcher Schritt in Bonn sofort „mißverstanden“ und als Zeichen angesehen würde; den Boom über höhere Staatsausgaben wieder anheizen zu können.

Die Verstimmung auf dem Rentenmarkt griff auf den Aktienmarkt über. Namhafte Investment-Gesellschaften haben beschlossen, an ihren liquiden Mitteln festzuhalten und keinesfalls ihre Positionen an deutschen Aktien zu verstärken. Das ist deutlich an den Kursen und Umsätzen der Standardwerte zu merken, deren Trend abwärts zeigt.

Die Vorgänge auf der Bonner Regierungsbühne ließen die Börse bisher kalt. Das heißt nicht, daß man uninteressiert ist. Im Gegenteil, mit großer Spannung sieht man der Landtagswahl in Hessen entgegen. Schneidet die FDP schlecht ab, so könnte eine neue Lage für die Kapitalanleger entstehen, auch wenn die Bonner Koalition sich weiter als beständig erweisen sollte. Man geht aber davon aus, daß sich die kleine FDP, um sich zu profilieren, energischer als bisher gegen alle Steuerreformpläne wenden wird, wie man sie im Bundesfinanzministerium vorbereitet. Bundesfinanzminister Möller würde es schwer haben, so wird spekuliert, höhere Einkommen- und Erbschaftssteuern durchzusetzen.

Die Hessen-Wahl (und die Tage davor) könnte also vorübergehend eine bessere Börsenstimmung bringen, eine Wende ist daraus jedoch keinesfalls abzuleiten. Dazu gehört die Aussicht auf wieder steigende Gewinne der Unternehmen. Und dafür gibt es gegenwärtig keine Anhaltspunkte.

Wer sich indessen die heutigen Kurse ansieht, wird sich fragen müssen, inwieweit die schrumpfenden Gewinne des Jahres 1971 bereits heute berücksichtigt worden sind. Das scheint vom analytischen Standpunkt weitgehend der Fall zu sein. Natürlich sind noch Kursrückgänge von etwa 10 Prozent möglich, aber insgesamt läßt sich sagen, daß die deutsche Börse bereits auf ihrer Talsohle angelangt ist. K. W.