Rom, im Oktober

Sollte es bei der in aller Welt belachten, doch eher tragischen "Scheidung auf italienisch" bleiben? Noch vor zwei Wochen war zu bebleiben? daß der Konflikt zwischen Gegnern und Befürwortern eines Gesetzes über die Ehescheidung die Italiener auf die Barrikaden Eheben könnte – nicht anders als etwa in Reggio Calabria, wo es nur um die Hauptstadtwürde und nicht wo "Tisch und Bett" geht.

Wenn man die Argumente der "Scheidungspartei" und ihrer Widersacher hörte, die beide den Ruin der Familie, jener für alle Italiener unantastbaren Institution, an die Wand malten (die einen, indem sie unlösbare Zerrüttung, die anderen, indem sie das unauflösliche Sakrament beschworen), dann schien der Religionskrieg oder zumindest ein handfester Kulturkampf bevorzustehen. Auch der ohnehin zerbrechlichen Koalitionsregierung Colombo drohte Gefahr. Denn in der Scheidunigsfrage schieden sich alle ihre Partder und verbündeten sich mit der Opposition: die Christdemokraten mit Neofaschisten und Monarchisten, die Sozialisten und Sozialdemokraten mit Kommunisten und Liberalen. Doch dann öffnete sich ein "Ausweg auf italienisch".

Als der christdemokratische Senatspräsident Fanfani am späten Freitagabend letzter Woche das knappe Abstimmungsergebnis für das Scheidungsgesetz – 164 gegen 150 Stimmen – bekanntgab, brachen weder Stürme der Begeisterung noch der Empörung aus; Fanfani selbst sprach – Scheidung hin, Scheidung her – vom "dolce vincolo dell’amore dem süßen Band der Liebe, das auch jetzt die Einheit der Familie weiter garantiere und erntete den Beifall des ganzen Hauses.

Der Gegenstand dieser idyllischen Schlußpointe, Italiens erstes Scheidungsgesetz, war in der Tat unter den Händen tüchtiger Parlamentarier ziemlich weichgeknetet worden. In letzter Stunde wurde ein Kompromiß gefunden: Im wichtigsten Paragraphen wird die für mitteleuropäische Begriffe ohnehin reichliche Frist von fünf Trennungsjahren vor der Scheidung auf sieben (magere) Jahre ausgedehnt, falls der Scheidungsantrag vom schuldigen Partner gestellt wird. Diese Veränderung und einige technische Verbesserungen machen es nun freilich notwendig, daß das Gesetz vom Senat noch einmal an die Kammer, das Unterhaus des italienischen Parlaments, zurückgereicht wird, wo es schon im November 1969 angenommen worden war. Aus Abneigung gegen solche weitere Verzögerung, in der sie christdemokratische Taktik sahen, wehrten sich die Scheidungsparteien zunächst gegen jede Abänderung – zumal die Democrazia Cristiana außerdem angekündigt hatte, daß sie das Gesetz nach der Verabschiedung einer Volksabstimmung unterbreiten wolle. Erst als diese Drohung stillschweigend wieder fallengelassen wurde und Sicherheit bestand, daß die christliche Regierungspartei trotz ihrer Opposition den parlamentarischen Ablauf nicht mehr bremsen werde, kam der Kompromiß zustande.

Als "deus ex machina" – boshafte Zungen sagen: aus der Peterskuppel – war in buchstäblich letzter Stunde der Senator Leone, ehemaliger christdemokratischer Regierungschef, aufgetreten und hatte die zerstrittenen Parteien an den Verhandlungstisch seines Privatstudios gesetzt. Selbst zwar Gegner der Scheidung, war Leone wie viele seiner Freunde doch über die Gefahr, die der Mitte-Links-Regierung und damit der politischen Stabilität Italiens drohte, erschrocken; im stillen gestanden auch sie sich ein, daß man Italien nicht verweigern kann, was anderen modernen Staaten längst selbstverständlich ist. Der Kardinal-Vikar in Rom, Monsignore Dell’ Acqa, hatte wahrscheinlich recht, als er klagte, ohne Leones Mithilfe wäre das Scheidungsgesetz möglicherweise durchgefallen. Doch schon viel höheren Ortes im Vatikan hatte man bereits einzulenken begonnen.

Nach einer Protestnote vom 30. Januar, die Italien der Konkordatsverletzung beschuldigte, besann sich die Kurie. Ihre zweite Note im Juni war schon milder, und in der letzten Phase der Debatte begnügte sich der Papst mit theologischen Ermahnungen. Auch nach der Abstimmung wollte die offizielle Vatikan-Zeitung "Fassungslosigkeit und Schmerz", von der sie schrieb, nur religiös-moralisch Verstanden wissen: "Es ist kein politisches Urteil, das wir ausdrücken wollen."