Von Werner Ross

Marcel Reich-Ranicki hat seinen Verriß von Günter Eichs ersten „Maulwürfen“ vor zwei Jahren „Vorsichhinblödeln“ überschrieben. Heftig und mit Recht polemisierte er gegen eine ganze Kritikergarnitur, die hinter den Maulwürfen, immerhin Untergrund-Tierlein, Tiefsinn und Metaphysisches vermutete. Unrecht tat er freilich Günter Eich, der einmal ein erfolgreicher, seine Zeit sympathisch spiegelnder Lyriker und Hörspielautor war und der nun, nach Reich-Ranickis Vermutung, „müde und im Grunde lustlose, meist nicht einmal artistische Spiele mit Formulierungen und Motiven seiner Lyrik“ treibt, kurz: einfach vor sich hin blödelt.

Diese Kritik hat Günter Eich nicht abgehalten, weitere Maulwürfe hervorzubringen –

Günter Eich: „Ein Tibeter in meinem Büro“, 49 Maulwürfe; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 76 S., brosch. 10,– DM.

Ja, er hat offenbar sogar eine Gattung daraus gemacht, nachdem der erste Maulwurf-Wurf, der auch auf 76 Seiten untergebracht war, inzwischen ins sechzehnte Tausend gelangt ist. Waren diese Käufer fanatische Eich-Anhänger, die mit ihm durch blind und blöd gehen, oder darf man die andere Hypothese wagen, daß es in Deutschland sechzehntausend Liebhaber des Blödeins gibt?

Ich trete, da selber ein solcher, für das letztere ein. Mit anderen Worten: Ich halte Blödeln für eine Kunst oder wenigstens für ein legitimes Spiel. Man muß es in diesem Lande von Zeit zu Zeit wiederholen: nicht nur der Tiefsinn (den wir weitgehend gepachtet haben) und der Scharfsinn (den wir gelegentlich den Franzosen überlassen) haben eine alte und ansehnliche Tradition;auch der Un-Sinn ist längst vor Ionesco und Genossen zu hohen literarischen Ehren gekommen. Er kann Aristophanes, Shakespeare, Goethe für sich buchen, er hat die englische Nonsens-Poesie und Morgenstern erzeugt, und er ist nun zu Günter Eich hinübergewandert. Immerhin sei in Erinnerung gebracht, daß Morgensterns deutscher Tiefsinn gänzlich verdunstet ist, während es durchaus vorkommen kann, daß in einem Eisenbahnabteil Menschen verschiedener Stände und Generationen gemeinsam „Cäcilie mußte Fenster putzen“ im Sprechchor rezitieren.

Was heißt Blödeln? Blödeln: von Nicht-Intellektuellen für blöd gehaltene Beschäftigung von Intellektuellen, bei der dadurch komische Effekte zustande kommen, daß an zufällig gefundene Wörter überraschende Assoziationen angeschlossen und phantasievoll weiterentwickelt werden. Ein Blödelspiel sind zum Beispiel die „überflüssigen Berufe“, zu denen der Zitronenfalter, der Donauwalzer, der Raupenschlepper gehören. Blödeln ist eine Kunst des Improvisierens, der einander potenzierenden Einfälle des Gesprächs, der Anfeuerung durch Partnerlachen, und es fragt sich natürlich, ob man Blödelprodukte auch sozusagen kalt, schwarz auf weiß gedruckt, genießen kann.