Michaeli 1961

Mein lieber Sohn!

Indem es mit dem heutigen Ampte nun 6 Wochen her, das wir deinen Vater meinen lieben unvergesslichen Mann zu Grabe getragen, kann ich es nicht unterlassen dir ausfürlich zu beschreiben, wie sein Unglück so plötzlich über uns gekommen und derselbe sich in den Jahren so schwer hat gwälen gemußt. Auch spreche ich dir herzlichen Dank aus für die herrliche Kranzspende mit Schleife, welche allgemein bewundert worden von allen Trauergästen, welche in großer Anzahl das Geleite gegeben. So Bruder Konrad dein Pate, Raabes Christine Vetter Josephs Frau, welcher seit 3 Jahren verstorben, Backers Rosalie vom Anger, Robert Temme Base Hedwig sein Mann, welcher noch mit dir ist zur Schule gegangen, jetzt Leiter der LPG, SchwesterSefchen, Katharina Base von Schwager Heinrich, also Kittelkathrin, und Norbert Müller seine Frau Agnes nebst viele andere, welche du nicht erinnern tust oder kennst. Alle die Inschrift bewundert aber nicht entziffert bis auf Franz Rogge im Blachfeld, welcher mit dir an die Front gezogen und in englischer Gefangenschaft gewesen. Sagte, das DADDY heißt Vater welches wir sonst nicht gewußt. Vielen Dank auch für das Beigleitschreiben, welches in deutscher Sprache geschrieben und wir richtig erhielten. Habe dasselbe sofort deiner Schwester Gertrud vorgelesen, die sich sehr gefreut und volles Verständnis, das du, wo die Verantwortung für die Firma und so viele Menschen bei der herrschenden Konjunktuhrkriese nicht so schnell tisponieren und selber kommen gekonnt. Hatten uns dasselbe schon gedacht.

Ja, lieber Robert! Wie würden wir uns freuen, wenn wir dich nach so langer Zeit einmal wiedersehen täten und du deine alte Mutter und deine Schwester noch einmal könntest in die Arme schließen. War auch der einzigste Wunsch deines Vaters, welcher auf dem Krankenbette oftmahls gesagt, wenn er doch einmal dich, Robert, könnte wiedersehen. Fand noch eine Postkarte in seiner Brieftasche mit dem Niakarafall, welche du uns geschrieben im Jahre 1953 von deiner Hochzeitsreise und welche er immer bei sich getragen und in Ehren gehalten. Auch ein Photo von dir, welches ganz gelb und fast verfallen zu Stäup, legte es mit in den Sarg. Zog dasselbe oft hervor auf der Ofenbank wenn die Schmerzen im Rücken ihn übermannten, und betrachtete es. Zerriß sich oft das Hemd und das Leintuch wenn die Anfälle kamen, um nicht zu klagen, bat höchstens um eine Tasse Kamillentee, welcher ihn immer gutgethan, half alles nicht.

Ja, lieber Robert, dieses alles hätte nicht sein brauchen wenn er die Medicamente bekommen, welche der Artzt Dokter Bierschenk aus Hüpstedt ihn verschrieben die aber hier nur für Funktionäre erhältlich. Versuchte die Medizin aus dem Westen zu bekommen, Schwager Otto aus Hannover schickte wohl an die 10 X Päckchen per Einschreiben mit Opium Morfium Präparate, alles was der Amt verschrieben kam alles nicht an. Alles beschlagnahmt auf der Post, weil es hiess die Medicamente aus dem Westen wären vergiftet welches ich jedoch nicht glaube. Frage mich oftmahls, womit dein lieber Vater dieses Leid verdient, weil er niemanden etwas zu Leide gethan und war von Jedermann im Dorfe ist geachtet gewesen.

Dieser war ein guter Mann. War immer gut mit mir hat mich in 43 Jahren Ehestand nicht einmal geschlagen. Hob wohl mahl die Hand un sagte Josepha! Weib! War nur Scherz. Könnte die Mahle zählen an einer Hand, wo er in 43 Jahren in der Schenke gesessen noch keine 5 X. Immer gearbeitet bis zu seinen Tode. Nie eine hl. Messe versäumt trotz großer Schmerzen im Rücken, auch Wochentags, nahm oft das Gebetbuch, wurde oftmahls wach im Winter frühmorgens, war das Bett neben mir leer, war er zur hl. Messe ohne ein Wort. Lag dann wieder Stunden auch Tage in der Stube, oft mit dem Gesicht zur Wand, zitterte krampfhaft am Leibe, mit Schweiß auf der Stirn. Stand aber immer wieder auf wenn das schlimmste vorüber und machte noch kleine Aufträge im Dorfe. Dieser lässt sich, nicht unterkriegen ist ein Fernkorn, haben die Nachbarn oftmahls gesagt, obwohl die Ärtzte in Heiligenstadt schon vor zwei Jahren aufgegeben, konnten nicht operieren, war alles verwachsen und zu spät.

Dieser hat schon auf Erden das Fegefeuer genossen, dieser ist nun bei Gott, hat der Pfarrer gesagt und was ist der Mensch. Möchte wohl ein Jeder nach seinem Tode das Gleiche könne gesagt werden. Schreibe nun weiter, wie alles gekommen.