Von Wanda Bronska-Pampuch

Nichts kann so verräterisch sein wie die Sprache. Ein junger Pole hat das einmal deutlich zu spüren bekommen: Noch vor Ausbruch des Krieges war er – damals noch ein Schüler – nach Rußland gereist, um dort die Osterferien zu verbringen. Es wurden sechs Jahre daraus, und er hat sich seinen Ferienort nicht aussuchen können. Aber schließlich kam der Tag der Befreiung. Auf einer Bahnstation im Innern Rußlands las ihn ein junges Mädchen auf und nahm ihn mit nach Hause, damit die Mutter dem Halbverhungerten eine gute Suppe koche. Der junge Mann war außer sich vor Freude – so gut war lange niemand zu ihm gewesen. Ein Schwall von Dankesworten ergoß sich auf Mutter und Tochter – Russisch hatte er ja in den langen Jahren gelernt. Er redete und redete, bis er bemerkte, daß die Frauen ihn entsetzt anstarrten. Die Mutter faßte sich zuerst: Du Armer, sagte sie, durch wie viele Lager haben sie dich nur geschleppt?

Er hatte nicht gewußt, daß es ein ganz besonderes Russisch war, das er gelernt hatte, eins, das es eigentlich gar nicht gab – das nicht aktenkundig war, obwohl es zu jener Zeit Millionen im Land sprachen – in den Lagern der Zwangsarbeiten nämlich.

Der Chefredakteur der Moskauer Zeitschrift Nowyj Mir, Alexander Twardowskij, selber ein populärer Volksdichter, ahnte etwas von der Verbreitung und dem Einfluß dieses „anderen Russisch“, von dem man nicht Kenntnis nehmen sollte – aber er kannte auch die Vorurteile seiner Zunft. Als er 1962 vom Zentralkomitee der Partei und Nikita Chruschtschow persönlich die Erlaubnis erbettelt hatte, die sensationelle Erzählung des bis dahin unbekannten Autors Alexander Solschenizyn „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ abzudrucken, schrieb er im Vorwort: „Vielleicht werden einige vom Autor verwendete Worte und Ausdrücke des Milieus, in dem der Held seinen Arbeitstag verbringt, den Widerspruch derjenigen erregen, die über einen besonders wählerischen Geschmack gebieten – aber der Autor gebraucht sie sparsam und zielbewußt.“

Tatsächlich kommen die schlimmsten der sogenannten Lagerausdrücke, die furchtbaren Flüche, die den Polen sofort verrieten, in Solschenizyns Erstling kaum vor. Und wenn sie unvermeidlich waren (was konnte ein Häftling der Stalinschen KZs anderes tun als mörderisch fluchen, wenn man ihn nach zwölfstündiger Arbeit bei einer Temperatur von minus neunundzwanzigeinhalb Grad am Eingang zum Lager noch stundenlang warten ließ, um ihn schließlich zu zwingen, sich für das Filzen seiner Kleidung zu entledigen?), dann stehen Punkte da oder gängige Abwandlungen. Vielleicht hat die Zensur da mitgespielt, oder Solschenizyn hat nachgegeben – es tut dem

  • Fortsetzung auf Seite 18
  • Fortsetzung von Seite 17

Buch keinen Abbruch, denn die „schlimmsten“ liegen ohnehin in der Luft. Jeder (nicht nur der ehemalige Lagerinsasse) liest sie einfach mit, die aufs äußerste verknappte Satzkonstruktion Solschenizyns zwingt ihn dazu. In dieser durchkonstruierten, verdichteten Sprache klingen die weniger „schlimmen“, dafür aber um so typischeren Lagerausdrücke, die man in keinem Wörterbuch, in keinem Lexikon finden kann, so selbstverständlich wie das mitunter archaische Bauern- russisch, in dem der Autor seinen Helden sprechen und denken läßt. Sie fließen in diese Sprache ein und sind aus ihr nicht mehr fortzudenken, wie das Erlebnis der Gefangenschaft nicht aus dem Leben von Iwan Denissowitsch wegzudenken ist.