Das Staatslexikon wird demokratischer – Seite 1

Von Friedrich Andrae

Den großen Lexika-Unternehmen, die einmal den Ruhm deutscher Wissenschaft mitbegründet haben, ist unsere Zeit nicht günstig. Einerseits: die faktischen Grundlagen sind oft schon veraltet, die Ergebnisse fragwürdig geworden oder inaktuell, wenn das Werk gedruckt vorliegt. Und doch müssen Lexika erarbeitet und publiziert werden, zumindest so lange, bis andere Informations- und Datensysteme für jedermann jederzeit zugäigliche und abrufbare Nachrichten, Erkenntnisse und Auskünfte vermitteln. Anderseits: Der Zwang zur Aktualität verbietet die bloße Beschränkung auf das Gesicherte, auf das im Ergebnis Vorliegende und bereits Abgeschlossene, worin man doch einmal gerade das Wesensmerkmal dieser "ABC-Bücher" gesehen hat.

Eine Sisyphosärbeit in diesem Sinne mußte es schon bedeuten, als man 1957 daran ging, ein altehrwürdiges Standardwerk der Rechts-, Wirtschafts- und Gesellschaftslehre zum sechsten Male herauszubringen:

"Staatslexikon. Recht, Wirtschaft, Gesellschaft"; hrsg. von der Görres-Gesellschaft; Bd. 1-8; Verlag Herder, Freiburg 1957–1963

Im Vorwort zum ersten Band wurde schon 1957 die Frage der Aktualität angeschnitten, wenn auch das Wort selbst nicht fällt. Die seit der Vorkriegszeit gewandelten Verhältnisse zwangen dazu, einzelne Artikel völlig neu zu bearbeiten. Wegen der Zunahme des Stoffes maßte das Unternehmen’ von fünf auf acht Bände ausgeweitet werden.

Bei aller Modernisierung im Äußeren sahen sich die Herausgeber doch imstande, an einer Gesamtkonzeption festzuhalten, de auf dem Organismusverständnis des 19. Jahrhunderts und speziell des Namenspatrons ihrer Gesellschaft beruht:

"Der seit dem Jahr 1945 durch eine Fülle glücklicher Umstände, aber auch durch Fleiß uni Energie aller Bevölkerungsschichten sowie durch eine kluge politische. Führung in Deutschland herbeigeführte bewundernswerte Wiederaufbau und der Anschluß der Bundesrepublik an den freien Westen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß dauerhafte Erfolge sowie die Sicherung des Erungenen, für die Zukunft nur auf einem festen Fundament möglich sind. Ein solches kann nur errichtet werden und Bestand haben, wenn es auf Recht und Gerechtigkeit, auf Wahrheit und Mord aufgebaut wird, und wenn es die vom Schöpfer als dem ewigen Urgrurd alles Seienden in die Welt hineingelegte Wertordnung im gesamten irdischen Bereich zur Anerkennung bringt."

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Von dieser ideologischen Position her ist es sogar möglich, sich ausdrücklich auf das Programm, zu berufen, das der Zentrumspolitiker Georg von Hertling, der nachmalige Reichskanzler, 1878 für die erste Auflage entworfen hat: "Staat und Gesellschaft als die von Gott gewollte Ordnung mit dem Zwecke des Menschen und der Menschheit in Verbindung zu bringen." Gegenüber einer "in der Praxis des Alltags wie in der theoretischen Begründung gleich gefährlichen materialistischen Einstellung" gilt es auch als Grundsatz der Neuauflage, "mit allem Nachdruck die von allen menschlichen Verhältnissen unabtrennbaren sittlichen und religiösen Gesichtspunkte zur Anerkennung zu bringen".

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Dem Lexikon zugrunde liegen soll eine Soziallehre, die auf einer natürlichen Gesellschaftsordnung beruht, die auf der Einzelpersönlichkeit und der Familie aufbaut. Innerhalb dieser Ordnung haben "Staat und Kirche als societates perfectae ihren selbstverständlichen Platz", Indem mittels wissenschaftlichen Darstellung "die Wahrheit aufgewiesen, wird, sollen jedem zum Nachdenken bereiten Menschen die Maßstäbe an die Hand gegeben werden, mittels. deren er sich in der Kompliziertheit der heutigen Lebensverhältnisse zurechtfinden kann".

Im Grunde wird damit, zumindest im programmatischen Ansatz, das Aktualitätsproblem umgangen, indem die Wahrheit auf eine höhere geistige Ebene gehoben und damit vom Tatsachenzwang gelöst wird.

Daher sind die einzelnen Artikel, die ausführliche Literaturangaben enthalten, möglichst auf das jeweils mit Bestimmtheit Aussagbare und – in der Regel – abschließend Beurteilbare beschränkt. Ganz ohne Zweifel: Es werden überaus viele Informationen geboten; das Material ist wissenschaftlich verarbeitet; und was die Forschung an Ergebnissen zutage gefördert hat, wird in komprimierter, aber auch dem Nichtfachmann verständlicher Form vorgetragen. An der Sorgfalt im Methodischen ist nichts auszusetzen.

Seit dem Abschluß der 6. Auflage 1963 hat sich freilich herausgestellt, daß abschließende Wertungen, gültige Urteile ex cathedra in kurzer Zeit unhaltbar werden können. Das Redaktionskomitee zog in gewisser Weise. die Konsequenz, als offenbar wurde, daß die stürmische Entwicklung schon bald nach Erscheinen des 8. Bandes die Herausgabe von Ergänzungsbänden erforderte. Zwei von drei vorgesehenen Bänden sind nunmehr erschienen:

Bd. 9: "Erster Ergänzungsband. Abrüstung bis Finanzverfassung"; 1969; 984 Spalten, Ln. 98,– DM, Halbld. 108,– DM

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Bd. 10: "Zweiter Ergänzungsband. Foerster bis Praktische Philosophie"; 1970; 996 Spalten, Preis wie Bd. 9

Die alte, noch 1957 als gültig festgehaltene Form des Werkes hat sich in diesen neuen Bänden zum Teil augenfällig gewandelt. Statt abgeklärter Artikel im beruhigenden, von jeglicher Erschütterung freien, manchmal autoritativ anmutenden lexikalischen Stil findet sich hier mehr die offenere Form des Essays. Dieser formale Wandel wird damit begründet, daß sich seit 1966, als die Edition der Ergänzungsbände beschlossen wurde, in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft "tiefgreifende Veränderungen vollzogen haben" und noch vollziehen, die eine abschließende Betrachtung nicht zulassen.

Herausgeber und Redaktion erklären zwar, daß die Görres-Gesellschaft "offen für verschiedene Richtungen und Auffassungen ist", ein Grundsatz, dem doch wohl jede Wissenschaft selbstverständlich verpflichtet sein sollte; sie distanzieren sich aber sogleich vom Ergebnis dieser offenen Haltung mit dem Hinweis, daß sie sich "mit den Ergänzungsbänden des Staatslexikons nicht in der gleichen Weise identifizieren" könnten, "wie es beim Grundwerk noch weithin der Fall war": Als Ausdruck der eigenen Meinung und Haltung der Verfasser werden die Beiträge zur Diskussion gestellt, wobei "bewußt die damit zum Teil verbundenen einseitigen Sichten in Kauf genommen" werden.

Diese reservatio mentalis klingt dann doch etwas merkwürdig. Sollte es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, daß namentlich gezeichnete Beiträge stets von den Autoren verantwortet werden? Zumal ja auch im Grundwerk einzelne Artikel zu finden sind, in denen eigene Ansichten vorgetragen werden und in denen sich schon eine aufgeschlossenere Haltung gegenüber den sich verändernden Problemen unserer Welt repräsentiert. Wenn man sich jetzt distanziert und die Eigenverantwortlichkeit der Autoren hervorhebt, verrät man die allgemeine Unsicherheit vor der Aufgabe, soziale Phänomene in ein organisches, metaphysisch begründbares System zu bringen.

Bei der vergleichenden Lektüre der acht Bände des Grundwerkes und zwei Ergänzungsbänden ist sehr deutlich ein Wandel abzulesen, etwa bei solchen Stichworten, die schon im Grundwerk behandelt und dann ein zweites Mal wieder aufgenommen wurden, sodann bei den Stichworten, die in den Ergänzungsbänden neu zu finden sind. Einige Beispiele:

In Band 2 wird Familienpolitik noch unter dem 75 Spalten füllenden Stichwort "Ehe und Familie" sehr weitgehend vom katholischen Standpunkt aus behandelt. Der Ergänzungsband 9 bringt ein eigenes Stichwort "Familienpolitik", unter dem allerdings mehr referierend rechtliche und organisatorische Gegebenheiten behandelt werden. Von der sehr lebendigen publizistischen Diskussion über diese Fragen, von der nachhaltigen Bewußtseinsveränderung in der Gesellschaft ist wenig zu spüren, allenfalls stellt man fest, was fehlt – so wird das Thema Familienplanung nur beiläufig erwähnt.

Man muß schon das Stichwort "Geburtenregelung" hinzunehmen, um dort, wieder im Vergleich zwischen dem Beitrag in Band 3 und dem mehr als dreimal umfangreicheren Artikel im Band 10, zu erkennen, wie wichtig dieses Problem innerhalb eines Jahrzehnts geworden ist. Gerade hier läßt sich klar erkennen, wie sich innerhalb der dem Katholizismus verpflichteten Grundhaltung des Staatslexikons das Bewußtsein gewandelt hat: In Band 3 wird der katholische Standpunkt unter der Überschrift "ethische Bewertung" kurz und eher rückwärtsblickend dargelegt, während nunmehr im Band 10 über 11 Spalten hinweg eine ausführliche moraltheologische Stellungnahme in der Auseinandersetzung mit dem Ergebnis des II. Vaticanums und der Enzyklika "Humanae vitae" abgedruckt wird: deutliches Indiz dafür, wieviel in der sozialpolitischen Diskussion innerhalb der katholischen Welt in Bewegung geraten ist.

Das Staatslexikon wird demokratischer – Seite 4

Ein anderes Beispiel sind die Artikel über die CSU in den Bänden 2 und 9. Wurde dort noch das föderative Element in dieser Partei, ihre vornehmlich bayerische Rolle eher beschreibend herausgestellt, so werden jetzt viel stärker wertend die Verflechtung der CSU mit der Bundespolitik und ihre "stark ausgeprägte konservative Struktur" kritisch untersucht.

Ein drittes Beispiel: Das Thema Berufsfortbildung wird im Grundwerk explizit noch nicht behandelt. Es findet sich dort wohl das Stichwort "Berufserziehung", das im Kontext mit den Artikeln zu "Bildung" und "Erziehung" zu lesen ist. Schon dabei ergeben sich bemerkenswerte Unterschiede in den vorgetragenen, durchaus wertenden Auffassungen.

Während im Beitrag "Erziehung" eine abwägende, verschiedene Theorien referierende Darstellung geboten wird, die eine Festlegung auf Thesen vermeidet, finden sich in den beiden anderen Artikeln ex cathedra – Behauptungen, die eine Diskussion erschweren. Zur "Berufserziehung" wird festgestellt, daß "die Anwesenheit aller Menschen und infolgedessen auch der eine und unwandelbare Sinn ihres Lebens zu allen Zeiten und in jeder Situation gleich sind", somit das Ziel der Erziehung, auch der Berufserziehung "jederzeit und überall unwandelbar" feststehe.

Dem entspricht der im Artikel "Bildung" vorgetragene, fast reaktionär anmutende, zumindest problematische Bildungsbegriff, der weitgehend an den überkommenen, traditionellen Kategorien orientiert ist. Es kann daher nicht überraschen, wenn ausführlich über die "Bildungskrise" in einer Weise gehandelt wird, die noch stark von kultur- und gesellschaftskritischen Prämissen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ausgeht.

Der Gegensatz von "Bildung" und "Ausbildung" wird stark betont, bis hin zu der Behauptung: Der Kampf der Kirchen "gegen den Verfall der Familienerziehung und für die Erhaltung der Bekenntnisschulen bzw. um die Durchdringung aller Bildungsstätten mit religiösem Geiste ist zugleich ein Kampf um die Bildung und die in ihr gegenwärtige Einheit des Ganzen gegen die bloße, von der Bildung sich emanzipierende Ausbildung". Die alte, hier aufrecht erhaltene Konfrontation wird zwar im Ergänzungsband nicht expressiv verbis aufgegeben, aber immerhin wird doch mit dem Stichwort "Berufsfortbildung" implicite auch Ausbildung als ein dringliches gesellschaftliches Problem integriert.

Hatten für "Automation" in Band 1 noch 7 Spalten ausgereicht, kommen in Band 9 noch weitere 16 Spalten hinzu; "Datenverarbeitung" wird neu aufgenommen und in gewisser Weise durch die ebenfalls neuen Stichworte "Dokumentation", Informationstheorie", "Kommunikation" ergänzt. Im Grundwerk war zwar schon von Entwicklungsländern die Rede, jetzt aber werden "Entkolonisierung", "Entwicklungsdienste" und "Entwicklungspolitik" eigens bearbeitet. Diese Beispiele ließen sich leicht vermehren.

Es sei nur noch auf einen Fragenkomplex eingegangen, der mit der politischen Auseinandersetzung der unmittelbaren Gegenwart zusammenhängt und das grundsätzliche Problem der Aktualität großer Lexika aufwirft.

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Das Staatslexikon will "dem Menschen von heute dienen". Daher werden in den Ergänzungsbänden mehr noch als im Grundwerk Fragen behandelt. So taucht erstmalig in Band 9 das Stichwort "Anerkennung" auf, wobei in die zunächst mehr rechtstheoretische, grundsätzlichen Ausführungen über Anerkennung und Nichtanerkennung von Staaten das Problem DDR eingeflochten wird. Ähnliches geschieht in dem Ergänzungsbeitrag "Berlin", worin gegenüber dem Artikel in Band 1 nunmehr ausführlich die Rechtslage dargestellt und analysiert wird. Oberhaupt fällt bei den Deutschland-Artikeln in den Ergänzungsbänden auf, daß die Beziehungen zwischen BRD und DDR und die deutsche Frage überhaupt viel umfassender abgehandelt werden.

In diesen Zusammenhang gehören auch die neuaufgenommenen Beiträge über Demarkationslinien, Deutschland-Vertrag, Internationalisierte Gebiete, Intervention und Nichteinmischung. Daß in Band 10 erstmals auch das Münchner Abkommen eines eigenen Artikels gewürdigt wird, dürfte ebenfalls mit tagespolitischen Einflüssen zu tun haben. Das Wort "Gewaltverzicht" allerdings wurde noch nicht ausdrücklich aufgenommen; man wird dieses Thema allenfalls unter "Gewaltverbot" und in anderen einschlägigen Artikeln finden.

Diese Beispiele lassen deutlich die Grenze des (vorzüglichen und sehr brauchbaren) Standardwerkes erkennen. Immerhin – und das ist begrüßenswert – das Staatslexikon hat sich den modernen politischen, sozialen, wirtschaftlichen Entwicklungen geöffnet, obschon die Diskussion noch im Gange ist. Daraus resultiert eine offene, und das heißt, notwendig undogmatische Behandlung der Themen.

Dem Verlust an Wahrheit (in dem Sinne, daß man getrost nach Hause tragen kann, was man schwarz auf weiß besitzt) steht ein großer Gewinn gegenüber: Der Benutzer des Lexikons kann sich mit den vielfältigen Phänomenen seiner Welt kritisch auseinandersetzen. Wenn man so will: Das Staatslexikon, in fünf Auflagen seit fast 100 Jahren als ein nützliches "Handbuch" erprobt, ist in seiner 6. Auflage nicht nur verbessert, aktualisiert und erweitert worden, in seiner neuen Gestalt ist es auch demokratischer geworden.