Von Hermann Weber

Die Geschichtswissenschaft der Deutschen Demokratischen Republik hat in jüngster Zeit viele Werke vorgelegt, an denen der Fortschritt dieser Disziplin und gleichzeitig eine deutliche Abkehr von früheren stalinistischen Methoden abzulesen sind. Hervorragendes Beispiel war ein Buch, dessen Auslieferung vor einigen Wochen begonnen wurde, das aber mittlerweile schon wieder vom Büchermarkt verschwunden ist:

"Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon"; hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED; Dietz Verlag, Berlin (Ost) 1970, 528 Seiten, 10,50 Mark.

Das Lexikon, von renommierten Historikern verfaßt und von R. Grau, G. Hortzschansky, W. Rieß und G. Roßmann redigiert, war die erste fundierte Darstellung, die in der DDR über führende Persönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung erschienen ist. Von 353 verstorbenen Führern der Arbeiterbewegung, von SPD, USPD, KPD, SED und Gewerkschaften, sind exakte Daten und mehr oder weniger objektive Wertungen zu finden. Erstmals in der DDR wurden auch Lebensdaten verfemter "Parteifeinde" veröffentlicht, also von oppositionellen Kommunisten, deren Biographie bisher tabu war, so von Levi, Brandler, Ruth Fischer, Münzenberg, Remmele, Neumann, Torgler u. a.

Das "Biographische Lexikon" enthielt sogar eine Sensation: Die SED rehabilitierte zehn führende Kommunisten, die 1937 Opfer der Stalinschen Säuberungen geworden waren. Die KPD-Führer Budich, Creutzburg, Eberlein, Flieg, Golke, Kippenberger, Neumann, Remmele, Schubert und Schulte sind, so berichten die DDR-Historiker, in der Sowjetunion "unter falschen Anschuldigungen verhaftet" worden und unschuldig ums Leben gekommen, eine Tatsache, die in der Bundesrepublik längst festgestellt, von der SED aber früher als "antikommunistische Hetze" abqualifiziert worden war.

Genaugenommen bestätigte das "Biographische Lexikon" sogar meine These, daß mehr KPD-Spitzenführer (Mitglieder und Kandidaten des Politbüros) in den Stalinschen Säuberungen ermordet wurden als in Hitler-Deutschland: Unter Stalin kamen sechs Führer ums Leben, nämlich Eberlein, Flieg, Neumann, Remmele, Schubert und Schulte (außerdem der im "Biographischen Lexikon" fehlende Süßkind); dagegen unter Hitler fünf, nämlich Blenkle, Schehr, Schneller, Stoecker und Thälmann (außerdem der bereits 1926 aus der KPD ausgeschlossene "Parteifeind" Scholem). Das indirekte Eingeständnis solcher Fakten im "Biographischen Lexikon" konnte als ein Indiz dafür gelten, daß sich die DDR-Geschichtswissenschaft weiter versachlichte, ja es schien, als würde die SED ein objektiveres Verhältnis zu ihrer eigenen Vergangenheit bekommen.

Doch der Schein trog. Die Parteiführung setzte dem Fortschritt auf skandalöse Weise ein Ende: Das "Biographische Lexikon" wurde schon bald nach der Auslieferung aus dem Verkehr gezogen, es ist nicht mehr zu beziehen. Auf der Frankfurter Buchmesse sagte ein Vertreter des Ost-Berliner Dietz Verlages, es erscheine "vorläufig" nicht. Auf den Hinweis, das Buch sei doch schon verkauft worden, antwortete er ausweichend, die Auslieferung sei wegen "drucktechnischer Fehler" gestoppt worden.