Von Gottfried Niedhart

Wenn für einen Staatsmann unseres Jahrhunderts das Schreiben von Memoiren die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bedeutete, dann für Winston S. Churchill. Sein Verständnis von Politik und historischen Abläufen und seine Methoden der Darstellung sind untrennbar miteinander verbunden. An Gibbon und Macaulay – den er beinahe auswendig konnte – orientiert, verstand er Geschichte und seine eigene Zeit als Aktionsfeld großer Männer, die als "Herren ihres Schicksals" Weichen stellen und Zäsuren setzen. Gänzlich ignoriert hat er kollektive Faktoren und überindividuelle Wirkungen in der Geschichte. Er setzte die herausragende Persönlichkeit und das historisch-politische Geschehen einander gleich und übertrug diese Gleichung auf sich selbst, als er in verantwortliche und höchste Staatsämter gelangte. Diese Verquickung von Biographie oder Autobiographie und Geschichtsschreibung hat zweifellos in hohem Maße Churchills schriftstellerischen Erfolg bewirkt, macht jedoch zugleich auch die Problematik seines Werkes aus. Diese Zusammenhänge erhellt

Maurice Ashley: "Churchill as Historian"; Secker & Warburg, London 1968; 246 S., 42 s.

Das Buch öffnet einen unmittelbaren, anschaulichen Zugang zum Historiker Churchill, dessen Assistent der Autor gewesen ist, als Churchill die Biographie seines großen Vorfahren, des Herzogs von Marlborough, schrieb. Diese 1938 abgeschlossene Arbeit an einem historischen Stoff führt sogleich hinüber in die internationale Politik der dreißiger Jahre. Nichts anderes als die Haager Große Allianz gegen Ludwig XIV. stand Modell, als der Oppositionspolitiker Churchill eine Koalition gegen das nationalsozialistische Deutschland verlangte.

Churchills Darstellung von Vorgeschichte und Verlauf des Zweiten Weltkrieges – er wurde dafür mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet – hat bis in die wissenschaftliche Historie hinein für lange Zeit das Urteil bestimmt. Sie bedarf einer quellenkritischen Analyse. Ashley vermag hier nur erste Hinweise zu geben. Eine solche Untersuchung würde das Churchill-Bild revidieren, dessen Konturen und Farben der Rolle Churchills als Heros und Mobilisator britischer Kriegsanstrengungen entnommen wurden.

Churchills Leistungen als Kriegspremier warfen ihr Licht fast zwangsläufig auf seine gesamte politische Laufbahn. Vergessen waren die Mißerfolge und Fehlentscheidungen von Gallipoli bis zu seinem hartnäckigen Widerstand gegen den Abbau der Kolonialherrschaft in Indien. Die durch sachbezogene Gründe bedingte politische Isolierung Churchills von 1929 bis 1939 wurde idealisiert, während gleichzeitig die sogenannte Appeasement-Politik in undifferenzierter Weise verdammt wurde. Dieses mythologische Gebilde durchstoßen zu haben, ist das Verdienst namhafter Autoren, deren Aufsatzsammlung eine deutsche Übersetzung verdient hätte:

"Churchill: Four Fäces and the Man"; Allen Lane The Penguin Press, London 1969; 252 S., 30 s.