Von Toni Kienlechner

Ich glaube, man kann heute keine Bücher mehr schreiben. Fast alle Bücher sind zu dicken Bänden aufgeblasene Fußnoten. Ich schreibe nur Fußnoten...“ Selten sind Fußnoten so nachhaltig fruchtbar gewesen wie die von Roberto Bazlen. Jetzt, fünf Jahre nach seinem Tod, hat der Verlag Adelphi in zwei Bändchen diese „Fußnoten“ herausgegeben und damit quasi einen heilsamen Skandal verursacht. Unter Berufung auf Bazlen erscheinen nun Pamphlete, die gegen den üblichen Literaturbetrieb aufmucken, die mehr Strenge und Schärfe verlangen, denn, wie Bazlen sagte: „Wir sind keine Bilderstürmer, aber wir sind für die Entwicklung der Bilder – unentwickelt gebliebene Bilder müssen gestürmt werden.“

Roberto Bazlen, oder „Bobi“ Bazlen, wie ihn die Freunde nannten, war ein Triestiner, der 1902 geboren, noch im deutsch-österreichischen, mitteleuropäischen Kulturboden aufgewachsen ist und der daher den Italienern sehr viel beibringen konnte, was ihren durch den Faschismus eingeengten Gesichtskreis erweiterte oder überhaupt erst öffnete. „Bobi“ war einer jener seltenen Literaten, die Bücher und Menschen zusammenbringen können. Wer ihn gekannt hatte, trägt heute noch eine Jüngeraura um sich. Wer „Bobi“ nicht persönlich gekannt hat, dürfte (in ihren Augen) eigentlich nicht wagen, über ihn zu sprechen. Wir müssen uns also darauf beschränken, auf das aufmerksam zu machen, was er hinterließ.

Außer seinen privaten „Fußnoten“, einigen Essays und einem Romanfragment sind seine Briefe an mehrere italienische Verleger erhalten, die literarischen Gutachten, die weitgehend heute noch die Verlagsprogramme bestimmen. Da diese literarischen Porträts nicht für die Öffentlichkeit geschrieben waren, hat sich darin ein Teil jener faszinierenden Ursprünglichkeit erhalten, die von „Bobis“ Konversation ausgegangen sein muß. Leider ging von dieser Lektorenarbeit der Hauptteil verloren oder, wird zumindest noch immer vergeblich in den Archiven der Firma Olivetti gesucht. Der damalige Seniorchef von Olivetti, Adriano Olivetti, hatte 1941 einen Verlag gegründet, der sogleich nach dem erhofften Sturz des Faschismus ein breites Programm an psychologischen, politischen, religionswissenschaftlichen und literarischen Schriften verwirklichen wollte. Roberto Bazlen war einer der aktivsten Mitarbeiter bis zum August 1943. Dann mußte er, aus Furcht vor den Rassengesetzen der deutschen Besatzung, untertauchen – und lebte versteckt in zwei möblierten Zimmern in der Via Margutta in Rom. Olivetti ließ jedoch nach dem Krieg sein Verlagsvorhaben fallen und wandte sich der Politik zu. Der Verlag Einaudi und später auch der Verlag Adelphi verwirklichen nach und nach die Vorschläge Roberto Bazlens.

Zu seiner Heimatstadt Triest hatte Bazlen alle Brücken abgebrochen. Der Unterschlupf in der Via Margutta blieb bis zum Lebensende sein Zuhause. Auch noch nach dem Krieg mußte Bazlen eine für Italien schwer verständliche Existenz sein. Er stammte aus reichem Haus, hatte im Luxus gelebt und hatte sein Geld vorsätzlich zum Fenster hinausgeworfen. In Italien war man entweder reich, oder man war arm. Bazlen aber war ein armer Reicher oder ein reicher Armer. Einer seiner Aphorismen lautet, daß man den Luxus kennen, ihn aber dann verlieren müsse. Eins ohne das andere sei von übel – eine Maxime, die ihm im stockbürgerlichen Italien der Gebildeten kaum einer nachfühlen konnte. Bei aller Anti-Bürgerlichkeit war Bazlen kein optimistischer Parteigänger des Fortschritts. „Fortschritt – von der bäuerischen Sturheit zur städtischen Banalität“ steht in den „Fußnoten“. Oder: „Der soziale Fortschritt ist unaufhaltsam im Gange, und die Sonne der Freiheit sendet ihre ersten Strahlen: wir haben die Sklaven befreit, und an ihrer Stelle haben wir endlich die Kellner.“

Die „Fußnoten“ beschränken sich natürlich nicht auf Geistreicheleien. Einer, der schreibt, „Das Schwerste: aus Geist – Blut zu machen“, begnügt sich nicht mit Gedankenspielereien. Bazlen kann es sich erlauben, wir er es gelegentlich in den Briefen an die Verleger mit Hochgenuß tut, Gift und Galle zu spucken auf die Mittelmäßigen oder die Aufgeplusterten, auf die fixen Neuerer und die ollen Kamellen. Wo er aber Größe zu beobachten meint, verneigt er sich ehrfürchtig. Es ist rührend, mit welchen Worten er den Verleger zu bewegen sucht, das Werk von Robert Musil übersetzen zu lassen, oder wie er von seiner mühsam-köstlichen Lektüre des Gotthelf im Berner Dütsch berichtet. Die Einmaligkeit, die Erstmaligkeit war sein mystisches Gedankenziel, und wo er einen jungen, selbständigen Geist fand, war Roberto Bazlen sein Diener. Der Pessimismus des Abendländers, die dicken Ablagerungen europäischen Denkens und europäischer Bildung standen seiner eigenen schöpferischen Arbeit im Wege. Vielleicht war auch die Sprache sein Problem: bis ans Lebensende schrieb er, sofern er für sich schrieb, Deutsch. Um seine Ideen, Gedanken, seine „Fußnoten“ an die Öffentlichkeit zu bringen, mußten sie erst aus dem Deutschen ins Italienische übersetzt werden.

Dieses Schicksal teilt ein anderer Wahlrömer deutscher Herkunft: Ernst Bernhard. Dr. Bernhard, aus Berlin 1935 nach Italien emigriert, wo er, trotz zweijähriger Lagerhaft, den Krieg heil überstand, war dreißig Jahre lang als Psychotherapeut in Rom tätig. Auch um ihn bildete sich, wie um Bazlen (mit dem er übrigens befreundet war), ein Kreis von Jüngern, Schülern, Patienten und Verehrern. Auch sein Andenken wurde nun, fünf Jahre nach seinem Tod, wieder lebendig durch die posthume Herausgabe seiner Schriften. Auch diese Sammlung von Notizen, Aufsätzen, Theorien, aus dem Deutschen ins Italienische übersetzt, ist ein Lehrbuch. Bernhard war Jung-Schüler und -Mitarbeiter, praktizierte jedoch auf einer sehr breiten, kühnen und sehr persönlichen Basis, die über Jungs extreme Formulierungen oft noch hinausging. In seiner eigenen sehr komplexen Persönlichkeit verschränkten und ergänzten sich Denkbereiche, die seinen vielen italienischen Intellektuellen- und Künstlerpatienten ebenfalls unbekannt und heilsam waren: die chassidische Mystik des Judentums, die Erbschaft der romantischen Naturphilosophie der Deutschen. Aufschlüsse über sich selbst gewannen die Italiener durch Bernhards überaus sensible Beziehung zur mittelmeerischen Bilderwelt, dem Mythos der „Großen Mutter“. In dem vom Adelphi-Verlag zusammengestellten Buch „Mitobiographia“ finden sich Notizen und Diktate, die seine Freunde und Schüler aufnahmen. Es zeichnen sich die Konflikte unserer heutigen Gesellschaft ab und ihre Schwierigkeiten, zu einer kollektiven Bewußtseinsbildung zu gelangen.

Nach dem Krieg hatte Dr. Bernhard in Rom eine Riesenpraxis, obwohl seine Art der Analyse für Italien äußerst avantgardistisch wirken mußte. Horoskop- und Traumdeutung standen am Beginn jener Behandlung. Sein diagnostisches Vermögen und seine Intuition waren außerordentlich. Dutzende unter den bekannten Künstlern Roms hat er aus ihren Schaffenskrisen herausgeholt, ihre Hindernisse aus dem Weg geräumt. Boshafte behaupten, er habe manche so gründlich von ihren Komplexen geheilt, daß ihnen ihre schriftstellerische Begabung dabei verlorengegangen sei. Der einzige Aufsatz, der zu Lebzeiten Dr. Bernhards erschienen ist, der Aufsatz über den Mutterkomplex der Italiener, hatte immensen Erfolg. Von Dr. Bernhard ist zwar keine „Schule“ ausgegangen, aber seine Schüler arbeiten in ganz Italien verstreut weiter nach seinem Vorbild. Das Buch „Mitobiographia“ wurde sofort als eine Kostbarkeit erkannt und war in kürzester Zeit vergriffen. Es gehört zu den fragmentarischen Werken, bei denen die Bruchstücke mehr Anregungen geben, als es ein perfektes Lehrgebäude tun könnte. Bazlen und Bernhard waren heimliche Dioskuren für Italien.