Die Scheibenwischer wischen keinen Regen, sondern Staub. Gelb wie Erbsensuppe ist die Luft; Sichtweite ein bis drei Meter. Im Schrittempo tasten wir uns mit dem Geländewagen voran durch weglose Wildnis, bemüht, keinen Akazienstamm und kein Kamel zu rammen. Halbnackte Figuren mit streng-schönen Gesichtern, leicht gefeilten Zähnen, Krummdolche im Gürtel des Lendenschurzes, Vorderlader oder Lanze über den Schultern balancierend, starren einen Augenblick fratzenhaft ins Wageninnere, um sofort wieder in der gelben Brühe zu verschwinden.

38 Grad Temperatur in 1300 Meter Meereshöhe; das Awash-Tal in Äthiopien, zur Danakil-Wüste gehörig, die mit extremer Trockenheit und 56 bis 58 Grad Maximaltemperatur zu den unwirtlichsten Gegenden der Welt zählt.

Ein Kral von meterhohen Hütten aus Astwerk, mit Strohmatten überdeckt. Kinder, Frauen, viele jung, hübsch und kokett, natürlich „oben ohne“. Dahinter eine Schranke, saftige Felder, Bungalows, Kieswege, Hunderte von Vögeln, Feuchte, kühle Luft – ein Paradies von Menschenhand: Melka Werer, Landgewinnungsprojekt der atopischen Regierung mit Unterstützung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), dazu eine landwirtschaftliche Forschungsstation der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO).

Der Awash-Fluß soll Tausende von Hektar Lehmboden bewässern, und fruchtbar machen – und er tut es bereits teilweise. Überall wohlbestellte Felder, Wassergräben, am Fluß das Knattern der Dieselpumpen, die das Wasser heben. Fruchtbarkeit und Fortschritt: eine fast ungetrübte Idylle. Am Rande dieses hoffnungsvollen Projekts freilich ein Problem: die Nomaden, für deren Ansiedlung Kaiser Haile Selassie das Landgewinnungsvorhaben ursprünglich gedacht hatte. Er hatte nicht mit dem Wandertrieb der Afar gerechnet. Keiner von ihnen wurde Bauer.

Mr. Saunders, der Leiter der Station, meint lächelnd: „Wir kommen mit den Afar zurecht. In einer Periode des Jahres, während der Trockenzeit, kommen sie her zum Fluß mit Zehntausenden Kamelen und Rindern. Wir beschäftigen einige von ihnen als Erntearbeiter und sind im übrigen sehr vorsichtig. Auch unsere Landarbeiter aus dem Hochland sind sehr vorsichtig mit den Afar ...“

Die Afar, ein Stamm der Danakil, gelten als die wildesten Krieger ganz Ostafrikas. Privat sind sie heiter und freundlich, sind angeblich Mohammedaner – aber da sie keine festen Gebäude besitzen, sieht man auch keine Moscheen. Sie leben hauptsächlich von der Milch, die ihre Riesenherden liefern. Geschlachtet wird nur, wenn ein Tier krank oder altersschwach ist.

Aus Tradition und zur Belebung des eintönigen Daseins pflegen die Afar den alten Stammeszwist mit ihren Lieblingsfeinden, den Issa vom Somali-Volke. Man stiehlt sich gegenseitig das Vieh und legt einander raffinierte Hinterhalte. In alter Zeit pflegten die Gefangenen bei solchen Fehden ihre Mannbarkeit einzubüßen – eine bevölkerungspolitisch sehr wirkungsvolle Maßnahme.