Karlheinz Stockhausen: „Mikrophonie I und II“; Alings, Bojé, Davies, Fritsch, Alfons und Aloys Kontarsky, Spek, Stockhausen, Mitglieder des WDR-Chores und des Studiochores für Neue Musik Köln, Leitung: Herbert Schernus; CBS 61106, 21,– DM.

Das Plattencover – Stanzlöcher von Lochkarten über dem Relief des ersten Mondviertels – täuscht: Weder hat die hier eingespielte Musik mit den Männern von der Wega noch mit elektronischer Datenverarbeitung zu tun. Es ist schlicht auf natürlichem Wege erzeugter Klang, was da zunächst klappert und dann zu schreien beginnt, was klopft, dann scheppert, dann rauscht und schließlich quietscht, was dröhnt, dann jault, dann pfeift und schließlich zischt.

Zwei Männer, Musiker, reiben, kratzen, schaben, gleiten, klopfen, trommeln mit Glas, Metall, Stein, Holz, Kunststoff entsprechend der Partitur auf einem sogenannten Tam-Tam, einer großen, runden Bronzeplatte; zwei andere Männer, Musiker, bewegen entsprechend der Partitur Mikrophone vor und an dem Tam-Tam entlang, mal näher, mal weiter entfernt; zwei weitere Männer, Musiker, drehen oder schieben derweil der Partitur entsprechend an einem Lautstärkeregler und einem Frequenzfilter. Denn das endgültige Klangereignis ist eine Mischung aus dem Originalgeräusch und dem, was Lautsprecher verstärkt hinzufügen. Statt mit dem Tam-Tam (Mikrophonie I) kann man das ganze Verfahren auch mit menschlichen Stimmen und entsprechenden Geräuschen betreiben (Mikrophonie II).

1965 komponierte Stockhausen die beiden Stücke, am Anfang seiner Phase des „introvertierten Hörens“. Denn Hinhören wird hier gefordert – eine Fähigkeit, Klänge zu differenzieren und ihnen eine neue, ungewohnte ästhetische Kategorie zuzuerkennen, eine Fähigkeit, die zu entwickeln ist, niemand bringt sie aus der Kinderstube mit, und gerade die fremdartigen Geräuschketten könnten manchen schnell die Platte abschalten lassen. Aber nach langsamem Eingewöhnen müßte auch dem Widerwilligeren etwas von dem aufgehen, was man die Schönheit des absoluten Klanges nennen könnte (auch die Häßlichkeit hat hier ihren Stellenwert), müßte auch er erkennen, wie zwischen Geräuschen Spannungen und Beziehungen entstehen, wie mit diesen Beziehungen komponiert wurde und wie aus dem alten „interpretierenden“ Musiker inzwischen ein selbstverantwortlicher, komponierender geworden ist, von dessen Intuition und Phantasie das Werk letztlich abhängig ist.

Die vorliegenden Geräusche sind, was diese Phantasie betrifft, von Spitzenmusikern eingespielt. Heinz Josef Herbort