Von Günter Hellbardt

Die Prototypen der Naturwissenschaftler, denn das sind die Physiker, leben in einer Internationalität, die für Angehörige bodenständigerer Berufe kaum vorstellbar ist. Da es zum Selbstverständnis ihrer objektiven Wissenschaft gehört, daß wahre Erkenntnisse überall auf der Erde gewonnen werden können und unabhängig vom Ort nachvollziehbar sein müssen, haben Landesgrenzen für sie keine sachliche Rechtfertigung, und Sprachgrenzen werden durch Rückgriff auf ein rudimentäres Englisch beseitigt. Das Einverständnis hierüber ist unter ihnen so stark und allgemein, daß sich in einem Physikergespräch in irgendeinem Winkel der Welt Anglophile, Frankophile, Slawen, Asiaten jeglicher Sprachprovinz und Germanen ohne Schwierigkeit verstehen. Unterscheidungen zwischen Medici-English, American English, broken English und anderen Idiomen dienen dabei nur der privaten Belustigung.

Dennoch ist diese große Gemeinschaft nicht ohne landsmannschaftliche Differenzierung, selbst da, wo wir uns nicht auf dem unwissenschaftlichen Boden nationalstaatlicher Wissenschaftsförderung befinden. Ohne Servan-Schreiber zu ihrem Propheten machen zu können, begannen just 1966 einige Physiker öffentlich darüber zu diskutieren, daß es unproduktiv sei, sich mit der Klassifizierung als Nicht-Amerikaner zufriedenzugeben. Nationale Identifikationen geben jedoch in Europa für Naturwissenschaftler nicht viel her. Einrichtungen wie etwa das europäische Kernforschungszentrum CERN und deren Mitarbeiter sind national überhaupt nicht mehr zu lokalisieren. Und so wurde es diesen Wissenschaftlern zur Notwendigkeit, ein Europa der Physik zu schaffen.

Seine möglichen Vorteile liegen auf der Hand. Jeder Wissenschaftler ist für den Austausch von Erfahrung und zur Prüfung seiner Erkenntnisse auf die Kommunikation mit den Fachkollegen angewiesen. Je größer und einheitlicher der organisatorische Bereich ist, in dem er ungehindert kommunizieren kann, desto geringer sind die Erschwernisse für seinen wissenschaftlichen Fortschritt. Ob physikalisch hoch- oder unterentwickelt: Jede Region Europas wird von einer physikalischen Einigung profitieren. Starke Impulse für die Vereinheitlichung des wissenschaftlichen Zeitschriften- und Dokumentationswesens, ja vielleicht sogar zur Angleichung der staatlichen Forschungspolitiken, sind zu erwarten. Alles das wird sich in verstärktem, wissenschaftlichem Fortschritt und erhöhtem Ansehen Europas in der Welt auswirken. Was viele Physiker von Beginn an besonders für diese Ideen gefangen nahm, war die sich abzeichnende Möglichkeit, in einem offiziellen Gremium und in voller Öffentlichkeit mit den Kollegen des Ostens zusammenzuarbeiten, mit den längst vielerlei fachliche und persönliche Kontakte bestanden. Die Physiker Europas treffen sich in der Überzeugung, daß sie durch ihre Einheit der Wissenschaft und den Menschen – vielleicht sogar der Politik – einen Dienst erweisen.

So planten die Physiker ihr Europa vom Atlantik bis zum Ural und setzten es in die Tat um. Dazu wandten sie genau die Methode an, die ihre Wissenschaft zum Erfolg geführt hat: Sie reduzierten ein komplexes, natürliches System auf ein einfaches Modell, von dem sich die logische und faszinierend klare Lösung ablesen ließ. Die European Physical Society (EPS) nach Schweizer Recht und mit Sitz in Genf wurde gegründet, offen für alle Physiker und mit dem Ziel, die Physik nach Kräften zu fördern. Ihrem Ruf zur festlichen Gründungstagung 1969 im Herzen europäischer Tradition von Wissenschaft und Kunst folgten Physiker aus ganz Europa und Übersee nach Florenz, Einzige Verhandlungssprache war Englisch. Es wurde ein Fest europäischer Einigung ohne verkapselte Enge. Der Politik ein Vorbild?

Auch das Modell der Physiker hat seine Schwächen. Seine Vereinfachung besteht darin, daß es zwar den wissenschaftlichen Bedürfnissen der Physiker Rechnung trägt, aber keine ausreichende finanzielle und organisatorische Sicherung vorsieht. Nach den Ideen der Gründer kommt der EPS alle Kraft aus dem Idealismus der Physiker und deren Begeisterung für die Physik und Europa. Eine Föderation der nationalen physikalischen Gesellschaft zu einem Europa physikalischer Vaterländer, wie sie soeben die chemischen Schwesterngesellschaften beschlossen haben, wurde als Lösung verworfen. Die EPS gleicht einer EWG, in der es Straßburg gibt, doch Brüssel nicht.

Mit der gewählten Konstruktion ihrer Gesellschaft haben sich die Physiker Schwierigkeiten geschaffen, die in gewissem Sinne zu denen der EWG komplementär sind. Die EPS ist bewußt neben und nicht über oder gleich als Ersatz von nationalen physikalischen Gesellschaften in Europa geschaffen worden. Dieses Nebeneinander ist vollends dadurch zementiert, daß die letzteren alle – mit ganz wenigen Ausnahmen, zum Beispiel der DDR – korporative Mitglieder der EPS sind, während daneben die Möglichkeit zur individuellen Mitgliedschaft in der EPS besteht, für die kräftig geworben wird. Wer aber würde (in der politischen Analogie) durch zusätzliche Steuerzahlungen die europäische Staatsangehörigkeit erwerben, wenn er schon als Deutscher, Franzose, Ungar, Schweizer oder Engländer auch Europäer ist? Während die EWG dem Zwang von Wirtschaft und Technik zu größerer Einheit folgt und Schwierigkeiten hat, der Idee der politischen Einheit eine Form zu geben, haben die Physiker ihrem Einigungswillen organisatorischen Ausdruck verliehen, ohne daß eine materielle Veranlassung besteht, diese Organisation durch seine persönliche Mitgliedschaft tragen zu helfen, und ohne daß auch nur die Möglichkeit vorgesehen ist, die nationalen Gesellschaften zu Unterorganisationen der EPS werden zu lassen, wodurch die letztere in den unmittelbaren Genuß der nationalen, materiellen Quellen kommen könnte.

Die Physiker scheinen ein Opfer ihres Abstraktionsvermögens geworden zu sein, während es der EWG gelegentlich an Mut zum Ideal mangelt. Sind die Angehörigen einer sogenannten „Lebenswissenschaft“ klüger gewesen als die Politiker und die Physiker? Die Molekularbiologen haben sich von vornherein mit den Nationalstaaten arrangiert, als sie sich europäisch einigten. Die Förderungssummen für ihre Organisation, die EMBO, zählen nach Millionen. Das Defizit der EPS betrug im Jahre 1969 rund hunderttausend Mark.