Am 7. September 1970 wurden bei einem Feuergefecht in Buenos Aires zwei junge Terroristen von der Polizei erschossen. Sie waren seit langem als Mitglieder der Bande gesucht worden, die den ehemaligen argentinischen Staatschef General Aramburu entführt und ermordet hatte. Beide stammten aus bürgerlichem Haus, beide waren gläubige Katholiken, beide hatten enge Beziehungen zu revolutionären Priestergruppen. Bei ihrem Begräbnis sprachen zwei katholische Pfarrer.

Der eine, Pater Carlos Mujica, sagte über den 22jährigen Carlos Ramus: „Er war Christus treu, er hatte sich der Sache der Gerechtigkeit verschrieben. Er ist ein Beispiel für die Jugend.“ Über den 23jährigen Luis Abal Medina sagte der Pfarrer Hernan Benitez: „Sein Tod ist vor Gott ein Opfer. Er und sein Freund wurden von einer Gesellschaft gerichtet, die ihren Durst nach Gerechtigkeit nicht stillen konnte. Herr, wir danken dir für diese beiden Jungen. Sie haben nicht den leichten Weg gewählt.“

Am Tag nach dem Begräbnis wurden die beiden Pfarrer wegen „öffentlicher Billigung eines Verbrechens und Aufreizung zur Gewalt“ verhaftet. Die Polizei hatte die Grabreden für die mutmaßlichen Aramburu-Mörder mitstenographiert.

Der Vorfall ist symptomatisch für die revolutionäre Entwicklung der katholischen Kirche in Lateinamerika. Noch vor fünf Jahren war Camilo Torres ein krasser Außenseiter. Heute ist der kolumbianische Priester, der sich der Guerilla anschloß und im Gefecht erschossen wurde, zum Vorbild einer breiten Generation junger Katholiken in ganz Lateinamerika geworden. Die Unruhe. unter der jungen Priesterschaft und ihren Gefolgsleuten wird in Rom mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, denn die Lateinamerikaner stellen mehr als ein Drittel des gesamten Kirchenvolks, und in zwanzig Jahren werden sie über die Hälfte aller Katholiken ausmachen.

Schon heute hat der durchschnittliche bayerische Seelsorger mit seinem peruanischen Amtsbruder außer der Liturgie kaum noch etwas gemeinsam. Das gilt nicht nur für die niederen Ränge des Klerus. „Wenn ich Kardinal Döpfner höre“, sagte mir ein brasilianischer Bischof, „dann frage ich mich, ob wir beide eigentlich derselben Kirche angehören.“

Das alte Klischee vom Bündnis zwischen Schwert und Kreuz stimmt jedenfalls für Lateinamerika nicht mehr. Schon in zurückliegenden Jahrzehnten galt es nur noch bedingt. Denn im Gegensatz zu den europäischen Stammländern des Katholizismus sind die meisten lateinamerikanischen Staaten von Geburt an laizistisch, Mexiko sogar seit der Revolution von 1917 ausgesprochen antiklerikal. Die Kirche in Lateinamerika ist vergleichsweise arm, ja sogar armselig, was ihren materiellen Besitz und ihre Gotteshäuser betrifft. Seit langem leidet sie zudem unter zunehmendem Priestermangel. Aus dem Seminar von Buenos Aires gingen im Jahre 1967 nur zwei Jungpfarrer hervor. Es gibt weite Landstriche des Kontinents, in denen ein Seelsorger 15 000 Katholiken und mehr zu betreuen hat. Ohne den unaufhörlichen Nachschub an Menschen und Geld aus Europa läge die lateinamerikanische Kirche längst in Agonie.

Vor diesem Hintergrund ist das Echo auf das II: Vatikanum zu verstehen. Das Konzil machte in Europa den Weg frei zu behutsamen Reformen, zu Diskussionen über hierarchische Fragen, über die „Pille“ und den Zölibat. In Lateinamerika dagegen riß das Konzil ganze Festungsmauern ein. Aus ihrem jahrhundertealten Elfenbeinturm stieg die Kirche hinab ins Schlachtfeld der Gesellschaft. Die soziale Revolution stand plötzlich auf ihrer Tagesordnung.