Von Theo Sommer

Im russisch-amerikanischen Verhältnis ist plötzlich ein Temperatursturz eingetreten. Sowjetische Kommentatoren und US-Staatsmänner üben sich wieder in der schrillen Sprache des Kalten Krieges. Moskau wirft den Amerikanern "Verleumdung", "Politik der Stärke" und "Kriegshysterie" vor; Washington beklagt den lügnerischen Wortbruch der Sowjets in der Frage der SAM-Raketen am Suezkanal, bezweifelt den Entspannungswillen der Kremlführung und befürchtet einen Rückfall in die Konfrontationspolitik einer abgeschlossen geglaubten Epoche.

Es ist schwer zu sagen, was wirklich hinter dieser abrupten Abkühlung steckt – und noch schwerer zu ermessen, wozu sie führen mag. Immerhin hat sie Nixon zu dem Satz inspiriert, wo die Vereinigten Staaten den Frieden suchten, trachte die Sowjetunion nur nach Vorherrschaft; und immerhin hat sie Kossygin veranlaßt, nicht zur Jubiläumssitzung der Vereinten Nationen nach New York zu fahren. Es wird den beiden Außenministern Gromyko und Rogers überlassen bleiben, die Ursachen der plötzlichen Verhärtung zu ergründen.

Ein gut Teil der Aufregung mag einem törichten. Mißverständnis zuzuschreiben sein: der euphorischen Annahme, daß die normalen, ruppigen Verkehrsformen der internationalen Politik aufhören müßten, da doch die Supermächte bestrebt seien, dem Risiko eines direkten Zusammenstoßes aus dem Wege zu gehen. Dem jedoch ist keineswegs so. Wer dem Krieg abschwört, verzichtet damit noch lange nicht auf die übrigen Mittel der Politik – auf Manöver und Manipulation, auf Druck und Drohung, auf Verlockung und Verführung. Die Rivalität der Supermächte dauert fort, auch wenn ihr im nuklearen Zeitalter Grenzen gesetzt werden müssen. Die Großen verzichten nicht auf ihre Ziele, sondern nur auf bestimmte Methoden, sie zu erreichen.

Jede andere Erwartung wäre naiv: daß etwa die Sowjets Hanoi bedrängten, vor Washington zu kapitulieren; oder auch daß Amerika davon absähe, die Existenz Israels zu verbürgen. Beide Weltmächte werden weiterhin auf ihren Vorteil bedacht sein – und darauf, den Rivalen zu übervorteilen, wo immer das straflos möglich ist. Beide werden bemüht bleiben, das Gewicht des Opponenten auszubalancieren. Frieden – vorläufig ist dies, noch die Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln. Es ist kein Zustand vollkommenen Friedens, sondern bestenfalls ein kalter Frieden: Tauziehen und Konkurrenz.

Parität ist dabei das Kennzeichen der beginnenden siebziger Jahre. Keine der beiden Supermächte findet sich heute noch damit ab, der anderen unterlegen zu sein. Wo Amerikas Überlegenheit im ersten Vierteljahrhundert nach dem Krieg sowjetische Niederlagen bewirkte, in Berlin, in Kuba, auf dem Felde der strategischen Rüstung, im Nahen Osten, da wurden diese Niederlagen den Russen bald zum Ansporn, ihre Unterlegenheit wettzumachen, aufzuholen und – falls Amerika dies geschehen ließe – den weltpolitischen Gegenspieler zu überholen. Washington hat Moskau lange Zeit auf den zweiten Platz verwiesen. Es war zu erwarten, daß die Sowjets sich damit nicht auf ewig abfinden würden. Jetzt ist es soweit: Die Sowjetunion wirft sich zur globalen Macht auf, den Vereinigten Staaten ebenbürtig, einzudämmen nicht mehr durch Überlegenheit, sondern nur noch durch gleich schwere Gegengewichte. Das ist neu, unbequem, aber nicht unerträglich.

Außenpolitik vollzieht sich in Sprüngen und Pendelschwüngen. Manchmal vollzieht sie sich auch nur in der Vorstellungswelt der Akteure: Was als Temperatursturz empfunden wird, ist gelegentlich bloß auf nichtfunktionierende Thermometer zurückzuführen. Man muß sich vor falschem Maßstab hüten. Es bleibt auch nach dem Ende des Kalten Krieges die Rivalität der Mächte; es bleiben Interessengegensätze und Zusammenstöße; und es bleibt daher die Pflicht zur Wachsamkeit. Zuweilen wird es ungemütliche Situationen geben, da keine Großmacht ohne Not zurücksteckt. All das heißt noch nicht, daß wir wieder einer Phase der Konfrontation entgegensteuerten. Dagegen spricht die nukleare Logik. Sie verbietet leichtfertige Kraftproben.

Bis zur Kooperation ist es allerdings noch ein weiter Weg. Die Zusammenarbeit der Großen, um negative Entwicklungen zu verhindern, ist eines; etwas ganz anderes ist ihre Zusammenarbeit, um positive Entwicklungen zu fördern. Nahost, Berlin, SALT, Indochina – nirgendwo wird es fertige, billige, leichte Lösungen geben. Die Regelungen, zu denen es am Ende kommen mag, werden alle Kompromisse sein – in ihrer Entstehung umkämpft und umstritten: Resultanten aus dem Parallelogramm, der politischen Kräfte und des Willens. Daher jetzt das Gezerre.