ARD, Sonntag, 11. Oktober: Happy days“, Reportage von Paul Mautner

Da hatten sie die Geschichte vom kleinen Mann im großen Ferien-Chaos drehen wollen; und sie hatten sich alles schön ausgedacht! wie der kleine Mann nebst Familie mit seinem Caravan in der Autoschlange steckt, wie Zusammenstoß und Nervenzusammenbruch drohen, wie die Leute neben ihren Wagen stehen und schimpfen, und Freizeit wird zum Fluch, zur Flucherei immerhin; und höhnisch schmeichelnd erklingt dazu die Titelmelodie vom glücklichen Tage „Oh happy day“; und zum Grau in Grau der Theorie, beim Hearing der Kultusminister, im April zum Thema Ferienordnung, sollte die Farbe der Wirklichkeit kontrastieren...

Ein Mann aus Essen, Catcher von Beruf übrigens, wurde angeheuert, auf Honorarbasis im Auftrage des Senders Freies Berlin mit Frau und zweien seiner Kinder (die anderen vier blieben bei der Großmutter) in die Ferien zu fahren, an den italienischen Lido de Jesolo. Die dokumentierende Kamera fuhr mit. Die Mikrophone lauschten. Auf ging’s; und was man sich so dramatisch vorgestellt hatte, ging schief. Es gab an diesem Wochenende kein Gedränge auf der Straße, kein Schrittschneckentempo, keine Warterei im Sonnenglast. Der kleine Mann hatte freie Autobahn. Chaotisch wurde nur der Filmbericht.

Es gab eine vollgestopfte, verstopfte Strecke. Nach Norden. Aber das Reporterteam war auf den Südkurs festgelegt. Es gab auch ein Verkehrsgetümmel. An einem viel späteren Wochenende. Aber das war im Drehplan nicht einkalkuliert. Paul Mautner versuchte mit Statements zu retten, was ihm an Bildern entgangen war. Und am Schneidetisch muß ihn der Ärger übermannt haben wie einen Mann, der in der Badehose herumspaziert und eigentlich einen Winterpelz benötigt, weil er sich allzu ausschließlich auf die Wettervorhersage verlassen hat. Weil die Prognosen der Experten und die Berichte in den Zeitungen nicht so eintraten, daß sie seine Reportage dramatisch gemacht hätten, deshalb setzte er nun Seitenhieb an Seitenhieb auf die Tagespresse und deren „dicke Lettern“, unter denen die Warnungen vor dem Chaos, das er nicht antraf, gestanden hatten.

Er verpaßte es, weil er glaubte, eine Reportage sei berechenbar. Er mußte es vielleicht verpassen, weil die Reportage im Fernsehen immer noch starr gehandhabt wird. Die mehr oder minder bürokratische Produktionsplanung, der schwerfällige technische Apparat, das Diktat des Drehbuches oder doch des Treatments, man kennt das; aber man könnte es zuweilen doch ändern.

Man müßte es, wenn die Reportage im Fernsehen die Idealkonkurrenz mit jener Reportage bestehen will, die mit Bleistift und Notizblock zustande kommt. „Happy days“, gut photographiert, mangels Masse dann zu einer Art Feature umfunktioniert, wurde ein Exempel dafür, wie dokumentierendes Fernsehen die Wirklichkeit verpassen kann. Alexander Rost