Von Michael Jungblut

In Europa und vor allem in der Bundesrepublik herrschen noch ein verbreitetes Mißtrauen oder der Unkenntnis hinsichtlich eines Instruments der Unternehmensführung, das in den USA längst seine Bewährungsprobe bestanden hat, nämlich die Auftragsforschung. Warum? Man scheut sich davor, interne Probleme des Betriebes Außen-Preisgabe offenzulegen, fürchtet wohl auch die Preisgabe von Geschäftsgeheimnissen. Viele Kaufleute und Techniker können sich überdies nur schwer vorstellen, daß ein Betriebsfremden ihre technischen und wirtschaftlichen Probleme schneller, billiger und besser lösen könnte als die „alten Hasen“ im Unternehmen.

Wie anders die Einstellung amerikanischer Führungskräfte zur „Forschung außer Hause“ ist, zeigt die Entwicklung der Auftragsforschung in den USA in den vergangenen Jahren. Noch 1945 arbeitete dort erst ein rundes Dutzend Firmen und Institute in dieser Dienstleistungsbranche. Inzwischen ist ihre Zahl auf über vierhundert gestiegen. Sie sind praktisch auf allen Gebieten der angewandten Wissenschaft tätig. Sie übernehmen militärische, wirtschaftliche und politische Planungsaufgaben. Sie arbeiten im Auftrag der privaten Wirtschaft, für Kommunen, die Regierung und für Entwicklungsländer.

In den Laboratorien und Instituten macht sich ein Heer von Spezialisten Gedanken über die Lösung technischer, physikalischer und organisatorischer Probleme. Sie grübeln nach über die Gestaltung einzelner Produkte und über die optimale Produktionsstruktur eines Unternehmens. Sie planen ganze Verkehrssysteme und entwickeln Computernetze für die Anwendung in Medizin und Raumfahrt, Verwaltung und Verteidigung. Der Gesamtumsatz dieser Zweckforscher überschritt schon 1968 die Grenze von zwei Milliarden Dollar. Zu den bekanntesten und bedeutendsten Unternehmen des contract research in den USA gehören das Battelle Memorial Institute, die Arthur D. Little Inc. und die Rand Corporation.

In Europa konnte sich die Auftragsforschung bisher nur in den Bereichen der Meinungsumfrage und der Marktanalyse sowie der Betriebsberatung im engeren Sinne durchsetzen. Deshalb gibt es auch in der Bundesrepublik relativ viele Institute, die für eine wissenschaftlich fundierte Meinungsanalyse, für die Marktforschung oder die Beratung bei innerbetrieblichen Organisationsproblemen zur Verfügung stehen.

Wesentlich geringer ist dagegen noch die Zahl der Institute, die im Auftrag einzelner Firmen oder einer Gruppe von Unternehmen Branchenprognosen ausarbeiten und spezielle betriebs- und volkswirtschaftliche Fragen beantworten. Der Forschungsplanung, der Organisationsanalyse und Dokumentationsforschung widmet sich beispielsweise die „Studiengruppe für Systemforschung“ in Heidelberg.

Für mehr volkswirtschaftlich orientierte Fragestellung stehen vor allem das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen, die Prognos AG in Basel oder das Battelle-Institut in Frankfurt zur Verfügung. Sie übernehmen beispielsweise Aufträge wie die „Untersuchung der Probleme und Methoden des Marketing in Europa im Vergleich, zu den USA“, vergleichende Analysen der Wettbewerbslage bestimmter Branchen in den einzelnen Ländern der EWG, Vorhersagen über Produktion und Bedarf bestimmter Produkte (z. B. Stahl und Kunststoffe) oder Prognosen über die Entwicklung und Struktur der privaten Einkommen und des Verbrauchs in den nächsten Jahren.