Düsseldorf

Als gäbe es keine Parteikrise – so wirkten bei einem Düsseldorfer Journalisten-Umtrunk Walter Scheel, Hans Dietrich Genscher und Willi Weyer. Die Führungsherren stritten sich lediglich um eine Kiste mit Zigarren. Der Parteichef verfolgte Weyer quer durch den Saal des „Altdeutschen Ballhauses“, um seiner Zigarren wieder habhaft zu werden. Es herrschte ansonsten gute Laune, keiner war dem anderen gram. Warum Scheel selbst an einem solchen Abend guter Dinge schien, da Mende, Zoglmann und Starke in Bonn, Lange, Mader und Maas in Düsseldorf die Partei verlassen hatten? Keine Minute zögerte der Lebenskünstler mit der Antwort, die im Rausch allgemeiner Fröhlichkeit fast unterging: „Im Rahmen des Möglichen fühle ich mich immer wohl, wobei eben der Rahmen variabel ist!“

Genscher seinerseits stellte die Frage nach der Zeche in diesem Düsseldorfer Altstadtlokal, das früher „Alter Hafen“ hieß und in dem 1966 Scheel, Weyer, Genscher und Zoglmann den Auszug der FDP aus der Bonner Erhard-Regierung beraten und beschlossen hatten. Auch damals war zufälligerweise ein Heer von Journalisten dabei und biwakierte gewissermaßen direkt neben der zu allem entschlossenen Kampftruppe. „Mein Gott, es ist schon vier Jahre her“, seufzte Genscher, „ich sehe immer noch das Mende-Gesicht, als wir ihm sagten – Erich, es ist Feierabend, die Partei macht dieses Theater nicht länger mit...“ Und diesmal? Während die „drei Musketiere“ Scheel, Genscher und Weyer keiner Frage ausweichen, zählen an Nebentischen eifrige Sekretäre die Protesttelegramme und -briefe der Organisation. Von Minden bis Aachen melden sich Kreisvereine, Bezirksvorstände, Einzelmitglieder und Funktionäre: „Nieder mit den Mandaten der Verräter!“ So steht’s in einem Schreiben aus dem konservativen FDP-Bezirk Bielefeld.

„Ja, wer ist eigen dich bei den Freien Demokraten noch konservativ?“ will ein Journalist wissen. Großes Gelächter zunächst, dann steht Weyer auf: „Hier, ich, jawohl ich bin es!“ Ein Blick zu Scheel: „Von dir, glaube ich, sollte ich das nicht sagen?“ Bevor der Parteivorsitzende und Bundesaußenminister antworten kann, fragt einer: „Wenn die Nationalliberale Aktion eine neue Partei aufmacht; wo steht denn dann Ihre Partei: links, rechts?“ Scheel sagt nur ein Wort, denn das eigene Lachen schnürt ihm die Kehle zu: „Gegenüber!“ Kein Zweifel, er ist Herr der Lage. Ob im Kreuzfeuer der Journalisten oder schon im Fegefeuer der Partei, Scheel ist obenauf und läßt ein Fernsehtischgerät kommen: „Wir wollen doch mal sehen, was Erich im ,Bericht aus Bonn‘ erzählt.“

Scheel, Genscher, Weyer und Riemer genießen den Abtrünnigen auf dem Bildschirm. Reporter Altmann nimmt Mende in die Zange, und die vier FDP-Oberen in Düsseldorf hören lachend zu, nicht ein böses Wort kommt über die Lippen. Erich Mende vergleicht sich mit Gustav Heinemann – ein Kellner ist empört: „Der schämt sich nicht!“ Scheel winkt ab, Riemer erinnert: „Mende wollte schon mal Dubček sein!“ Als die Sendung zu Ende ist, muß Genscher sich einer Frage von vielleicht nur unterdrückter Aktualität stellen: Herr Bundesinnenminister, möchten Sie Nachfolger von Herrn Scheel werden? Die Antwort des Routiniers ist knapp: „Ich habe nicht die Absicht.“ Später in kleiner Runde: „Wir sind doch kein Kegelverein mit ständigem Hickhack am Stammtisch.“

Aber wenn die Landtagswahl in Hessen schiefgeht, was dann? Bleibt die FDP beim Schwur vom Oktober 1969? Scheel: „Die Bundesregierung ist für vier Jahre gewählt.“ Warum aber hat Weyer vor Monaten gesagt, „der ganze Verein, vom Präsidium bis zum Bundesvorstand“ müsse zurücktreten, wenn die fünf Landtagswahlen verlorengingen? Glücklich scheint der bullige Landesvorsitzende nicht über die Frage, aber kämpferisch wie schon lange nicht mehr, interpretiert er sich: Wenn Hessen, Bayern, Schleswig-Holstein, Berlin und Rheinland-Pfalz der FDP kein Mandat mehr in den Landesparlamenten brächten, „dann müssen wir vor unsere Mitglieder treten und sie fragen“.

Überströmende Heiterkeit den ganzen Abend, Galgenhumor? Kaschierte Untergangsstimmung? Wird die Krise gefeiert, weil das von so vielen erwartete Ende der Freien Demokraten doch noch ausblieb? Willi Weyer: „Wir sind menschlich betroffen, nicht politisch. Von 20 000 FDP-Mitgliedern in Nordrhein-Westfalen haben sich etwa 350 der NLA angeschlossen, darunter mein persönlicher Freund Dr. Lange.“ Die NLA selbst behauptet, 800 Mitglieder in NRW zu haben, darunter angeblich auch „zahlreiche“ CDU-Anhänger. Nirgendwo scheint den vermeintlich „National-Liberalen“ ein Durchbruch geglückt zu sein. Am Niederrhein wurde der zur Zoglmann-Gruppe übergelaufene FDP-Bezirksvorsitzende Maas einstimmig abgewählt. Zehn von neun Kreisverbänden hatten den Antrag gestellt. In Ostwestfalen, als Hochburg der NLA verschrien, verlangte der Bezirksvorstand einstimmig von dem unter Druck zurückgetretenen Vorsitzenden Mader, das Mandat niederzulegen und die Partei zu verlassen. Selbst im FDP-Ruhrbezirk, wo Lange führte und pausenlos agierte, scheiterten er und NLA-Handlanger an Trotz und Trutz, bis sie letztlich das Hasenpanier ergriffen. In Köln hat sich ein FDP-Mann öffentlich zur NLA bekannt, in Düsseldorf gar keiner, in Essen hingegen ein halbes Dutzend wohl, aber nicht Achenbach und nicht Aschoff; kein Kienbaum und kein Kohlhase.